Frage an Günther Jauch: Jagiellonen sind a) eine tropische Fruchtsorte, b) ein harmloser Virenstamm, c) eine osteuropäische Dynastie, d) leichte Elementarteilchen. Zu gewinnen wären 125.000, vielleicht 250.000 Euro.

Für Jauch aus Potsdam eine Gefälligkeitsfrage: Seit dem 1. März zeigt das dortige Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte die Ausstellung Europa Jagellonica . Eine historische Schau über Obst, Viren, Physik? Wohl kaum. Also im Ausschlussverfahren c) osteuropäische Dynastie.

In Polen wäre dieselbe Frage keinen Złoty wert. Jedes Kind kennt das berühmte Herrscherhaus. Und in Tschechien war Europa Jagellonica eine der erfolgreichsten Ausstellungen des vergangenen Jahres. Nun ist sie in Potsdam angekommen. Und hält eine Entdeckung bereit.

Hierzulande weitgehend unbekannt, beherrschten Könige aus dem Geschlecht der Jagiellonen um 1500 Europa von der Ostsee bis zur Adria, von der Elbe bis ans Schwarze Meer – einschließlich der Ober- und Niederlausitz im heutigen Sachsen und Brandenburg. Rückständiger Osten? Keine Spur. Finstere Peripherie? Hochburgen gotischer Kunst, der Renaissance! Arme Nachbarn? Von wegen: Die Schätze, die in Potsdam zu besichtigen sind, suchen ihresgleichen. Sie sind ein Augenschmaus. Und sie vermitteln, wie eng schon einmal – ein halbes Jahrtausend vor der EU – Polen und Italien, Litauen und Brandenburg, Ungarn und die Niederlande verflochten waren.

Ans Licht kommt ein weit offenes Mitteleuropa, in dem Künstler und Stile, Bürger und Edelleute, Ideen und Waren hin und her strömen. Bereits das erste Exponat macht dies augenfällig: eine geschnitzte Figur des Heiligen Christophorus von Veit Stoß. Veit Stoß, der berühmte Bildhauer aus Nürnberg? Fast richtig. Die Figur stammt aus Krakau, wo Stoß etwa 20 Jahre gewirkt hat. Was für Kunsthistoriker nichts Neues sein mag, öffnet hier den Blick auf eine kulturell blühende Großregion vor dem Zeitalter der Nationalstaaten. Zu deren Zentren die polnische Königsstadt an der Weichsel so selbstverständlich gehörte, wie Krakau wiederum eine deutsche Gemeinde beherbergte, eine jüdische. Die Jagiellonen zählten nicht nur zu den kultiviertesten, sondern auch zu den tolerantesten Herrschern jener Zeit. Wer waren sie?

Ihre Ära beginnt mit einem litauischen Fürsten namens Jogaila, polnisch Jagiełło, der Ende des 14. Jahrhunderts eine polnische Prinzessin heiratet. Wenig Romantik, viel Machtpolitik: Litauen ist damals kein baltischer Kleinstaat, sondern ein Großreich, das in heutigen Begriffen Weißrussland, Teile der Ukraine und Russlands umfasst. Polen ein mühsam zusammengehaltener Herrschaftsverband, doch mit ruhmreicher Geschichte.

Unter Jagiełłos Nachfahren steigt die Doppelmonarchie zur Vormacht des östlichen Europa auf. Als 1490 ein Jagiellonen-Prinz zudem die Kronen Ungarns und Böhmens erwerben kann, beides große und wohlhabende Königreiche, gelangt die Dynastie auf ihren Zenit. Luckau in der Lausitz etwa – die Landschaft gehört damals ebenso wie Schlesien zum böhmischen Machtkreis – empfängt nun Befehle aus dem heutigen Budapest.

Zusammenzuhalten ist ein solches Konglomerat nur mit Offenheit und Flexibilität. Auch zwingt ein mächtiger Adel die jagiellonischen Monarchen zu parlamentarischen Zugeständnissen – vergleichbar vielleicht mit denen in England. Das polnische Geschichtsbild zieht bis heute eine Linie von der goldenen Ära der Adelsrepublik zur modernen Freiheit.

Von einem friedlichen Miteinander kann indes keine Rede sein. Kriege und Kleinkriege werden geführt, das Los der leibeigenen Landbevölkerung ist harsch. Gerade in Krakau flammt immer wieder deutsch-polnischer Streit um einzelne Kirchen und die Sprache der Predigt auf, zwingt 1494 ein Pogrom die Juden zur Aussiedlung auf die andere Seite der Weichsel. Dennoch: Die Vielvölkerherrschaft der Jagiellonen basiert auf Ausgleich und weitgehender Toleranz. Auf Pluralität.

Europa Jagellonica ist denn auch ein deutsch-tschechisch-polnisches Gemeinschaftsunternehmen, das bereits in Warschau und im böhmischen Kutná Hora zu sehen war. Seine Wurzeln hat es in Leipzig, in einem Forschungsprojekt zu den Jagiellonen am dortigen Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas. 2005 abgeschlossen, betonte es einen in der aktuellen Geschichtswissenschaft populären "transnationalen" Ansatz – der nun auch die Ausstellung prägt.

Oder besser: die Ausstellungen. Denn jede Station setzt einen eigenen Schwerpunkt. In der Potsdamer Version sind das die Beziehungen der Jagiellonen zu Deutschland, vornehmlich ihre Eheverbindungen mit Habsburgern und Hohenzollern, nach Bayern, nach Sachsen. Derweil ist der Umfang gegenüber den vorigen Versionen deutlich reduziert. Auf das "Beste vom Besten", sagt Hausherr Kurt Winkler.