Gerade heiß laufenden Wagnerianern möchte man empfehlen, sich mal ein paar Madrigale und Motetten von einem anderen Jubilar anzuhören, einem, der vor 400 Jahren starb und dem der Tristanakkord allenfalls ein feines Lächeln abgerungen hätte. Als kühnster Chromatiker seiner Zeit ging Carlo Gesualdo, Principe di Venosa, an Grenzen, an denen jeder Spätromantiker den Boden unter den Füßen verlöre, und neben dem Anfang von Moro, lasso – Ich sterbe, ach (1611) ist der Beginn der Götterdämmerung ein Betriebsausflug der Tonalität. Die war allerdings um 1600 ohnehin noch nicht halb so sediert, wie Wagner sie vorfand.

Es reichte wohl, dass die Erde noch fest im Mittelpunkt des Universums stand, und der Fürst von Venosa war nicht allein mit seiner Vokalkunst. Er war allerdings extrem. Reaktionär insofern, als er an der Polyfonie festhielt, während Gleichaltrige wie Monteverdi sich zur Dominanz einer Stimme, zur Oper hin bewegten. Umso besessener arbeitete Gesualdo an der Feinheit seiner Wortausdeutung und der Stringenz seiner Linienführung, die zum Teil unfassbare Harmonien erzeugt – und die Voraussetzung ist für eine der erstaunlichsten Rekonstruktionen unserer Tage, die spektakulärste von drei neuen Gesualdo-CDs.

Drei Jahre hat James Wood, britischer Dirigent, Komponist und Musikologe, gebraucht, um die Motetten des Zweiten Buchs der Sacrae cantiones zu vervollständigen. Die erschienen 1603 im Druck, aber nur als Stimmbücher, nicht als Partitur, und zwei der sechs Stimmen gingen verloren. Wood muss selbst fast verloren gegangen sein in dem "überdimensionalen Kreuzworträtsel", wie er den Versuch nennt, aus einer Analyse der vorliegenden zwei Drittel Regeln abzuleiten und anzuwenden. Nun ist er wieder aufgetaucht, an der Spitze des Vocalconsort Berlin, und mit ihnen das nahtlos geflickte Zweite Buch.

Wer diese geistlichen Gesänge von Leiden bis Hoffnung hört, entdeckt jene typischen, so völlig überraschenden wie stimmigen Wendungen, die um 1600 kein anderer komponierte. In den vier Silben von fletus mei etwa, "mein Weinen", in der sechsten Motette, gerät man von fis-Moll nach G-Dur in einer schmerzvollen Geschmeidigkeit, die in "wohltemperierter" Stimmung nicht möglich wäre. Bei Gesualdo ist ein "des" höher als ein "cis". Vokalensembles, die damit klarkommen und so schlank, transparent, stilkundig singen, dass man das Geflecht versteht, kann man an einer Hand abzählen.

Die Berliner gehören dazu. Ihnen gelingt die Balance zwischen Präzision und Empathie, zwischen Gruppenklang und Farbigkeit der Einzelstimmen, sie folgen Gesualdos komplexen, komprimierten Gebeten weder im Weiheton noch als bloße Analytiker. Länger als drei Minuten dauert kaum eine der 20 ausgewählten Motetten, was der idealen Häppchenlänge im "Begleitradio" entspricht, für das diese Musik gleichwohl komplett untauglich ist. Das gilt noch mehr für Gesualdos späte Madrigale, komponiert auf Texte extremer Liebesnot, von der dieser Komponist weitaus mehr als nur ein Lied zu singen weiß. Immerhin hat er aus Eifersucht zwei Menschen umgebracht.

Das Gemetzel, das der 24-jährige gehörnte Ehemann und seine Schergen anrichteten, hat Spuren nicht nur im Untersuchungsbericht der örtlichen Justiz und im Fußboden des Palasts östlich von Neapel hinterlassen, sondern auch in der Rezeption. Es lässt sich nun mal nicht wegdenken, dass dieser große Künstler ein Mörder war. Am wenigsten gelang ihm das selbst. Neben dem bezeugt extremen Bußbedürfnis des Fürsten (dem eine korrupte Justiz den "Ehrenmord" durchgehen ließ) ist Gesualdos späte Musik ein radikaler Nachvollzug von Seelenschmerzen in subtilster Konstruktion.

Beim Hilliard Ensemble findet die Seele Ruhe. Die Neueinspielung des Fünften Madrigalbuchs ist vernehmlich in der Kirche aufgenommen, die weltlichen Liebesqualen werden in geradezu klassischer Ausgewogenheit zelebriert. Das ist zwar weit entfernt vom New-Age-Nebel, in dem das (mittlerweile verjüngte) Ensemble vor gut 20 Jahren die Responsorien Gesualdos verschwimmen ließ. Doch man vermisst den Schmerz der Dissonanzen, das Zögern und Flüchten, das Nachdenken, das Flattern einsamer Silben in eisiger Luft, das Heikle und Fragile, das die Madrigale zugleich verbergen und enthüllen.

Bislang hat das niemand so aufregend realisiert wie Rinaldo Alessandrini, der mit den Sängern von Concerto Italiano vor 13 Jahren Werke aus dem Fünften und Sechsten Madrigalbuch zusammenfasste – eine Referenz, gestochen scharf und knochentrocken aufgenommen. Und es sind wieder Italiener, denen jetzt mit dem Libro Sesto eine Alternative gelingt, nach der man süchtig werden kann. Gerade erst gegründet, summiert La Compagnia del Madrigale die Erfahrungen ihrer Solisten um Rossana Bertini. Klüger, reifer klang Gesualdo nie, sinnlicher auch nicht – und dabei geht kein Komma verloren.

In einer Kirche mit moderatem Nachhall finden sich da je vier oder fünf Sänger zusammen, die zur Sicherheit von Stil und Technik, zu den Farben der Stimmen noch Persönlichkeiten bringen wie noch keiner zuvor. Sie bedrängen uns mit Zorn und Zärtlichkeit, beunruhigen uns mit raumgreifenden Crescendi, sie begeistern uns mit den Farben der Schwärze, aus denen in Moro, lasso die "geil ausgekostete Zerknirschung" (Rihm über seinen Kollegen) blüht, und zeigen die Kunst als Rettung. Wenn nach unglaublichen Spannungen mit dem Wort morte der finale Durakkord erreicht ist, versteht man mehr vom Leben.

Carlo Gesualdo:
Sacrae Cantiones II, Vocalconsort Berlin (Harmonia Mundi)
Quinto Libro di Madrigali, Hilliard Ensemble (ECM/Universal)
Sesto Libro di Madrigali, La Compagnia del Madrigale (Glossa/Note 1)