Es kommt nur noch äußerst selten vor, dass Angela Merkel derart die Kontrolle verliert. Nicht über sich selbst, das kommt eigentlich nie vor, doch immerhin über ihre Partei. So geschieht es gerade bei Homo-Ehe und Adoptionsrecht. Der Parteitag sagt hü, Karlsruhe sagt hott, die CDU sagt daraufhin hott, dann aber wieder hü, im Sommer schließlich wird Karlsruhe erneut hott sagen und die Union schlussendlich auch. Mit diesem Hin und Her gelingt es der Kanzlerinnen-Partei, alle Schwierigkeiten des Widerstands gegen die Homo-Ehe mit sämtlichen Nachteilen des Umfallens kunstvoll zu verbinden.

Wie konnte das der wendegewohnten Parteivorsitzenden passieren? Und wieso passierte es ihr nicht bei der Energiewende, nicht bei der Abschaffung der Wehrpflicht oder beim Mindestlohn? Warum ausgerechnet bei den Schwulen?

Offenbar kommt die CDU erst mit diesem Thema bei ihrem innersten konservativen Kern an. In der Partei verbreitet sich gerade das Gefühl, dass vom Konservatismus nichts mehr bleibt, wenn die gewöhnliche Ehe mit der Homo-Ehe gleichgesetzt wird. Auf den ersten Blick ist das seltsam, weil Atomkraftwerke oder die Wehrpflicht ungleich wichtiger scheinen als einige Zehntausend gleichgeschlechtliche Ehen. Allerdings sind weder Atomkraftwerke noch Wehrpflicht konservative Werte, einfach weil sie gar keine Werte, ja nicht einmal Institutionen sind, sondern bloß Instrumente. Wenn nun auf alternative Weise Energie erzeugt oder Freiheit und Vaterland effektiver verteidigt werden können, was soll’s?! Davon geht das Abendland nicht unter.

Die CDU hatte sich über die Jahrzehnte schlichtweg daran gewöhnt, Atomkraft und Wehrpflicht zu verteidigen, und es fällt ihr gewiss nicht leicht, sich von Gewohntem zu verabschieden. Doch ist eine Gewohnheit eben keine Überzeugung, wer sich umstellt, verliert nichts.

Ganz anders verhält es sich bei der Homo-Ehe. Hier erlebt der Konservatismus der CDU gerade sein Werte-Waterloo. Nicht weil die Union in der Gesellschaft und im Parlament keine Mehrheit mehr hat, damit muss eine Partei leben können. Traumatisch wird das Ganze, weil sie ihre Vorbehalte nicht mehr öffentlich argumentieren, sie sich die meisten ihrer Gedanken allenfalls noch ins Fäustchen denken, nicht jedoch ins Mikro sprechen kann.

Konservative können gewöhnlich nur mehr einzelne Worte raushauen ("Keimzelle") und sie in Talkshows unablässig wiederholen, sie können insinuieren und dräuen, aber sie können keiner öffentlichen Debatte mehr wirklich standhalten, spätestens beim zweiten Gegenargument fallen sie auseinander.

Nehmen wir als typisches Beispiel einen Kommentar aus der FAZ, die sich beim Thema Schwule auch sehr bemüht, noch konservativ zu sein. Am Dienstag bekniete dort Berthold Kohler die CDU förmlich, sich zu wehren: "Jetzt aber könnte und kann sie verdeutlichen, dass sie ein Leitbild von Ehe und Familie vor Augen hat, das immer noch den gesellschaftlichen Regelfall darstellt – und weiter darstellen muss, wenn diese schon von demographischen Albträumen geplagte Gesellschaft ein Interesse an ihrem Fortbestand hat." Mit nur einem einzigen, zugegebenermaßen sehr langen Satz steht hier der Konservative mitten in Teufels Küche: Er sagt nämlich, dass Homo-Ehen den Bestand unserer Gesellschaft gefährden; er sagt, dass, wenn Schwule heiraten, die Heteros weniger Kinder bekommen; er sagt, dass Heteros seltener heiraten, wenn Schwule es auch dürfen. Kohler sagt hier also nicht nur Unsinniges über schwule Ehen, sondern auch sehr Hässliches über Heteros und ihre Motive, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Dabei dachte man, dass die aus Liebe heiraten und Kinder kriegen, nicht um sich als etwas Besseres zu fühlen als die Schwulen.

Wenige Tage zuvor gemahnte der FAZ- Kollege Jasper van Altenbockum die CDU im Zusammenhang mit der Homo-Ehe an ihr Grundsatzprogramm, in dem es heißt: "Das ist der Widerspruch unserer Zeit: Eine reiche Gesellschaft ist arm an Kindern." Dem liegt wiederum derselbe Gedanke zugrunde: Je gleicher die Schwulen, desto steriler die Heteros. Im Ernst? Glaubt er wirklich, dass zeugungswillige Heteros schwul und kinderlos werden, wenn Schwule am Ehegattensplitting teilhaben dürfen?

Wenn kluge Menschen zu so irren Argumenten greifen, dann sicher nur, weil sie eine verlorene und ungerechte Sache meinen vertreten zu müssen. Doch warum verloren?

Wer die Vorstellung aufgegeben hat, dass Homosexualität Sünde ist, der findet einfach keinen vernünftigen Weg mehr, die Homo-Ehe abzulehnen. Wer aber die Homo-Ehe im Prinzip akzeptiert, der vermag nimmer mehr zu erklären, warum sie dann nicht einer kinderlosen Hetero-Ehe ganz und gar gleichgestellt werden sollte.

Was sich argumentieren lässt, ist die Abschaffung des Ehegattensplittings (das kinderlose Ehepaare jedweden Geschlechts belohnt) – zugunsten eines Familiensplittings, das erst greift, wenn Kinder da sind. Das jedoch ist nicht konservativ, das wollen Grüne und SPD auch.

Die CDU wird die Homo-Ehe nicht verhindern, stattdessen beschädigt sie sich und ihren Konservatismus, vor allem weil sie als eine konservative Partei nun um der Homo-Ehe willen immer heftiger Kritik übt an einer der wichtigsten Institutionen dieses Landes – dem Bundesverfassungsgericht. Dabei tun die Christdemokraten so, als handele es sich bei Karlsruher Richtern um eine gegnerische Partei, die ihnen ihren Willen aufzwingen will. Aber, verehrte CDU, könnte es nicht sein, dass die Verfassungsrichter einfach deswegen für die Homo-Ehe sind, weil das der Verfassung entspricht?

Was für ein bizarres Schauspiel: Ausgerechnet die das Grundgesetz und den Staat tragende Partei fällt wegen der Schwulen über Verfassung und Verfassungsgericht her. So zerstört ein schlechter Konservatismus den guten.

Man kann der Meinung sein, dass nicht ein Gericht über die Homo-Ehe entscheiden sollte, sondern der Gesetzgeber. Doch das hat die CDU nicht getan, sie hat nicht versucht, im Parlament eine Mehrheit zu finden. Stattdessen hat die Regierung es wieder mal den Verfassungsrichtern überlassen, die Politik zu machen, die sie sich selbst nicht zu machen traut. Um sich anschließend über die da in Karlsruhe zu beschweren. Das ist schon etwas jämmerlich, oder?

Diese geistig-politische Verwirrung und Verzweiflung der Union hat einen einzigen Grund, übrigens einen sehr sympathischen. Die Partei glaubt nicht mehr oder wagt nicht mehr zu sagen, dass Schwulsein etwas Schlechtes ist; so wie alleinerziehende Mütter oder geschiedene Ehepaare nichts Böses sind; so wie Menschen, die an einen anderen Gott glauben, keine schlechteren Menschen sein müssen; so wie Menschen, die anderswo ihre Wurzeln haben, genauso hierher gehören können.

Die Union ist auf dem halben Weg stecken geblieben hin zu einer Partei, deren Konservatismus ohne Ressentiment und ohne Diskriminierung auskommen muss. Sie kann etwas positiv wollen, die Ehe zum Beispiel oder das Christentum. Aber sie will oder kann nicht mehr andere herabsetzen, weder die Schwulen noch die Muslime. Das allerdings hat Konsequenzen für die konkrete Politik, es schließt etwa ein Ja zur Homo-Ehe ebenso ein wie ein Ja zu Moscheen.

Viele in der Union fürchten offenbar, dass es einen Konservatismus ohne Ressentiment nicht geben kann. Oder keine Werte ohne Entwertung. Zumindest an Letzterem ist ja auch etwas dran. Wenn alles gleich wert wäre, bräuchte man keine Parteien mehr. Wie aber soll sich eine Partei dann unterscheiden, ohne zu diskriminieren? Wie sähe ein ressentimentarmer, gar ein ressentimentloser Konservatismus aus?

Das ist sicher noch nicht ausgemacht und durchgedacht, aber gerade bei der Homo-Ehe liegt die Lösung allzu nahe. Eine konservative Partei kann dagegen sein, weil sie an der Hetero-Ehe festhält wie weiland an den Atomkraftwerken. Eine konservative Partei kann aber auch dafür sein, weil sie Bindung fördern will, wo immer es geht. Denn dies ist ja die Hauptsorge der Konservativen: dass die Gesellschaft auseinanderfällt.

Dasselbe Muster lässt sich auch auf die Religion anwenden. Ist eine konservative Partei gegen die Muslime, weil die Jesus Christus für einen Propheten halten und nicht für Gottes Sohn? Oder ist sie für die Muslime, weil die wenigstens religiös sind, sich also auch an eine höhere Macht binden?

Derzeit wird in der nordrhein-westfälischen CDU heftig darüber debattiert, ob man erstmals eine Muslima in den Bundestag schicken will oder nicht. Die CDU steht also immer wieder vor dieser Alternative: inklusiver oder exklusiver Konservatismus? Mit den Reißzähnen des Ressentiments oder ohne?

Schade, dass die Union nicht mehr so gern diskutiert. Es wäre bestimmt interessant und lehrreich, ihr bei solchen Debatten zuzuhören. Wolfgang Schäuble hat kürzlich gesagt, man habe beim Parteitag ernst und gut über die Homo-Ehe debattiert. Ja, aber über die Frage, ob es politischer ist, Karlsruhe vorauszueilen oder hinterherzurennen. Nicht über die Frage, welchen Konservatismus man denn künftig entwickeln möchte.

Vielen wird selbst eine humane, vorurteilsarme Union nicht genügen. Sie werden beklagen, dass auch eine CDU, die für die Homo-Ehe ist, immer noch etwas gegen Singles hat, dass eine CDU, die Muslime aufnimmt, sich auch dann noch schwertut mit bekennenden Atheisten. Das ist wahr. Daran jedoch lässt sich nichts ändern, wem auch das noch zu viel Aufwertung und Abwertung beinhaltet, der muss dann eben eine andere Partei wählen. Davon gibt es ja genug.

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