Eingepferchte Hühnchen, falsch deklarierte Eier, verseuchter Mais und Pferdebuletten. Mit gutem Essen hat all das nichts mehr zu tun. Es ist nur noch ekelig. Und doch scheint die traurige Wahrheit: Die vielen Lebensmittelskandale sind ganz offensichtlich noch nicht groß genug, damit sich wirklich etwas ändert.

Zwar passiert oberflächlich betrachtet viel. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner verkündet immer wieder neue Aktionspläne. Die Verbraucherminister der Länder wollen mehr kontrollieren. Die EU-Kommission tagt. Doch mit dem eigentlichen Problem beschäftigt sich kaum einer: mit der industriellen Landwirtschaft, die solche Skandale erst möglich macht. Und mit einem EU-Haushalt, der in diesen Tagen beschlossen wird und der genau dies auch künftig weiter mit Milliarden Euro finanzieren will.

Würde uns Bürger all dies wirklich ärgern, müssten wir spätestens in der kommenden Woche vor dem Europaparlament in Straßburg demonstrieren. Denn dort wird am Dienstag über die europäische Agrarpolitik der kommenden Jahre debattiert und damit über die Wahrscheinlichkeit, mit der wir künftig weitere Nahrungsmittelskandale erleben werden. Noch sieht es aus, als ob dort die Mehrheit so weiter machen wolle wie bisher. Folgt das Parlament dem Votum seines zuständigen Ausschusses, darf die EU weiterhin viel Irrsinn fördern. Dann werden die Abgeordneten, wie zuvor schon die EU-Kommission und der Rat der Regierungen, dafür votieren, auch in den kommenden sieben Jahren vor allem die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln zu subventionieren, die wenig Rücksicht auf Umwelt, Tiere und Verbraucher nimmt. Und das mit immerhin 373 Milliarden Euro. So viel Geld soll uns Europäer die EU-Agrarpolitik nämlich von 2014 bis 2020 wert sein.

Dabei ginge es auch anders. Selbst in Brüssel weiß man das. Vor einem Jahr schien es sogar so, als ob der EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos mutig genug wäre, eine Wende einzuleiten. In seinen ersten Entwürfen sollten Bauern, die die Umwelt schützen, viel stärker als bisher gefördert werden. Mehr Geld bekommen sollten die Landwirte, die ihre Wiesen auch mal unbewirtschaftet lassen. Die statt Monokulturen vielfältige Kulturpflanzen anbauen. Die auf Pestizide verzichten.

Schließlich, so die Grundidee von Ciolos, ist der Schutz der Natur eine Aufgabe, die Land und Leuten nützt. Also kann man dafür auch guten Gewissens Subventionen bereitstellen. Weniger Geld bekommen hätten diejenigen, die billig und ohne Rücksicht auf die Umwelt möglichst viele Nahrungsmittel produzieren wollen. Die aus ihrem Boden das Maximum herausholen wollen, die ihre Kühe mit billigem Futtermittel von sonstwo füttern und nur daran interessiert sind, dass sie viel Milch geben.

Doch der Traum war schnell vorbei. So etwas hätte die großen Produzenten viel zu viel Geld gekostet. Und es hätte von den Regierungen, allen voran der deutschen, den Mut verlangt, sich mit der heimischen Bauernlobby anzulegen. Warum sollten die so etwas tun? Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner beispielsweise will in Bayern noch etwas werden. Da schadet natürlich jeder große Streit. Also stutzte sie lieber gemeinsam mit anderen Regierungen den Kommissionsentwurf dort, wo er mehr Umweltschutz finanzieren wollte. Deswegen legte sie sich auch nicht mit den Kollegen an, die für die Energiepolitik zuständig sind. Denen hätte sie nämlich sagen müssen: Subventioniert nicht länger, dass heimischer Mais in Biogasanlagen verheizt wird. Denn auch das führt dazu, dass unsere Viehbauern ihr Futter in Serbien kaufen müssen.

Die letzte Hoffnung, dass wenigstens ein paar Absurditäten gestrichen werden, ruht nun auf dem EU-Parlament. Das darf in diesem Jahr so stark über den EU-Haushalt mitbestimmen wie nie zuvor. Es ist damit aber auch mehr denn je dafür verantwortlich, was in Europa passiert: Ob wir weiterhin alle paar Monate einen Nahrungsmittelskandal erleben werden. Oder ob Europa den Einstieg in eine bessere Agrarpolitik schafft.