Aber der Sechstagekrieg 1967 änderte alles. Die Besetzung des Westjordanlandes bedeutete eine Kehrtwende – Israel bot keine Projektionsfläche mehr, es war plötzlich »böse«, und die Palästinenser erschienen als die neuen Juden. Der Sechstagekrieg, schreibt der Historiker Michael Brenner im eben erschienenen Kursbuch, »hatte im Bewusstsein der Linken aus dem israelischen David einen Goliath gemacht – die Juden waren nicht mehr Opfer, sondern wurden plötzlich zu Tätern. Als Opfer mochte man die Juden, als Täter waren sie dagegen angreifbar.« Die bundesdeutschen Linken wurden zu »sekundären« Antisemiten, sie benutzten genau die Stereotype, die die Geschichte der Judenfeindschaft bereitstellte.

Als sich 1969 der SDS mit dem bewaffneten Kampf der Palästinenser gegen Israel solidarisierte, zerbrach auch die lose Solidargemeinschaft aus Intellektuellen und Apo. Der Schriftsteller Jean Améry attackierte die Protestbewegung scharf, für ihn verbarg sich hinter einer »ehrbaren« Israelkritik ein »ehrloser« linker Antisemitismus wie »das Gewitter in der Wolke«. Auch in der Kritischen Theorie schlug die anfängliche Sympathie für die Studentenbewegung um in ein blankes Entsetzen. Der Philosoph Theodor W. Adorno, der vor den Nazis nach Amerika hatte fliehen müssen, sah einen Teil der radikalisierten Linken auf dem Weg in den Faschismus.

Faschismus – das Reizwort fiel nicht zufällig. Tatsächlich wies der linke »Befreiungsnationalismus« eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem rechten Agitationsmuster auf. Im Zentrum stand auch hier das »Volk«, das die Wahrheit immer schon in sich trage und vom kapitalistisch-amerikanischen »Gesetz« befreit werden müsse. Das »Volk« waren die Palästinenser, und Israel war der Brückenkopf des »Dollarimperialismus«, der es mit »Schalom plus Napalm« jederzeit »ausradieren kann«.

Das fremde jüdische Gesetz gegen das wahre Volk? Der konservative Staatsrechtler Carl Schmitt, ein lebenslanger Feind der Juden, bediente dieses Muster nach Kräften. Für Schmitt hatten jüdische Intellektuelle den wunderbaren Leviathan des preußischen Staats »beschnitten« und die kulturelle Substanz des deutschen Volkes einem »fremden Gesetz« unterworfen – der liberalen Demokratie. Irrwitzig genug: Von dieser judenfeindlich eingefärbten Demokratiekritik waren wiederum die radikalen Linken fasziniert, und so wanderte auch hier ein antisemitisches Motiv – die Juden als Erfinder des Liberalismus – in parasitären Synthesen zwischen rechts und links hin und her. Nur so lässt sich erklären, warum sich der RAF-Aktivist Horst Mahler in einen NPD-Führer verwandelte, der mit einer »Volksfront« aus Linken und Rechten Palästina von seinen jüdischen Besatzern befreien will.

Es gibt noch eine andere Links-rechts-Analogie, und sie lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Warum diskutierte die marxistische Linke der siebziger Jahre über die Ermordung der europäischen Juden mit einer Eiseskälte, die der Empathielosigkeit ihrer Eltern in nichts nachstand? Weil das deutsche Volk, »kategorial betrachtet«, mit dem Holocaust angeblich nichts zu tun hatte. Natürlich waren die Täter Faschisten, keine Frage; aber für die radikale Linke war der Holocaust die Nebenfolge eines Krieges, den die kapitalistischen Eliten auf dem Rücken des deutschen Volkes ausgetragen hatten. Deshalb sei die Befreiung vom »Judenknacks« (so der »Stadtguerillero« Dieter Kunzelmann) überfällig, der Schlussstrich unter einer Schuldgeschichte, die nur die Befreiung der Arbeiterklasse blockiere. Oder um noch einmal Ulrike Meinhofs berüchtigten Satz von 1972 zu zitieren: »Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging –, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.«

Also »Schadensabwicklung«, weg mit der »Moralkeule« Auschwitz. Viele Konservative dachten ähnlich, auch sie wollten einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, wenngleich sie dabei nicht von der Revolution, sondern von der Nation schwärmten, die erst dann wieder »aufrecht« gehe, wenn sie nicht mehr an ihre Schuld erinnert und am »Nasenring« (Armin Mohler) durch die Manege geführt werde.

Wie sich die Bilder gleichen: Während die radikale Linke den (»jüdischen«) Kapitalismus für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich machte, erklärten die Rechtskonservativen Deutschland zum Opfer eines »Schicksals«, das aus den Abgründen der jüdisch geprägten »Moderne« aufgestiegen war – aus einer westlichen Maschinenwelt, die das romantische Deutschland in seinem Innersten nie gewollt habe. Der Philosoph Martin Heidegger entdeckte noch in den fünfziger Jahren in Amerika den »Ursprungsort der Weltverdüsterung«, und wer Helmut Dubiels Buch Niemand ist frei von der Geschichte (Hanser Verlag) über die frühen Bundestagsreden liest, dem begegnen ständig die Phrasen von »Schicksal«, »Tragik«, »Verhängnis« – und das war nicht nur Sprachlosigkeit angesichts des Ungeheuerlichen, es war eine Täter-Opfer-Umkehr, mit der man den Holocaust relativieren konnte, ohne ihn leugnen zu müssen.