Marina Weisband weiß, dass es anstrengend wird für sie in nächster Zeit. Sie hat ein Buch geschrieben, das jetzt erscheint, Wir nennen es Politik – Ideen für eine zeitgemäße Demokratie. "Ich freue mich gar nicht auf die Marketingtour", sagt sie, "aber ich muss sie machen", das Buch will beworben werden. Sie geht in drei Talkshows, Illner, Beckmann, Lanz, und das ist erst der Anfang, es folgen Lesungen, weitere Auftritte und Interviews. Sie fragt sich, ob es eine Neiddebatte um sie geben wird, nach dem Motto: Sie macht das nur für sich und nicht für ihre Partei.

Marina Weisband, 25, braune Haare, braune Augen, sitzt an einem Donnerstagnachmittag Ende Februar in einem Studentencafé in Münster. Sie studiert hier Psychologie, wohnt um die Ecke. Sie trägt ein grünes Kleid, darüber eine dunkle Jacke, schwarze Stiefel.

Fragt man sie nach ihrer Körpergröße, sagt sie: "Ich bin riesengroß!" Und lacht. Es sei gemein, dass man sie danach frage, fügt sie hinzu, "überall, wo ich hinkomme, bin ich die Kleinste". Sie ist 1,62 Meter. "Mein Verlobter ist zwei Meter groß", sagt sie und lacht wieder, "ich unterhalte mich regelmäßig mit seiner Brust."

Ich bin ein Tschernobyl-Kind

Es ist das dritte Treffen mit Marina Weisband, zwei Gespräche haben vorher in Berlin stattgefunden, und bei jeder Begegnung ist sie irgendwann darauf zu sprechen gekommen, wie es wohl wird, wenn ihr Buch erscheint, wie sie mit dem Wirbel umgehen wird.

Sie kennt ihre Piraten, sie weiß, wie auf Twitter diskutiert wird, wenn es heftig wird. Die Piraten, die Partei, durch die sie bekannt geworden ist, deren Politische Geschäftsführerin sie ein knappes Jahr lang war, sind in der Krise. Sie sind in den Wahlumfragen so deutlich unter fünf Prozent gefallen, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie im September in den Bundestag einziehen können. Und nun kommt Marina Weisband und schreibt ein Buch, geht damit ins Fernsehen. Dabei kandidiert sie nicht einmal für den Bundestag.

Warum also tut sie das? Abgesehen von der eigenen Eitelkeit, die sie nicht bestreitet. Was treibt Marina Weisband?

Auf Seite 30 ihres Buchs schreibt sie einige Sätze, die den Leser in eine andere Zeit entführen, in eine andere Welt, die weit weg vom strahlenden Licht der Talkshow-Kameras liegt, in dem sich Marina Weisband heute so selbstbewusst bewegt.

Sie komme nicht umhin, zu erzählen, schreibt die Autorin, "dass ich als Kind sehr krank war. Es begann etwa in meinem zweiten Lebensjahr als Immunschwäche und setzte sich in einer Reihe von Folgekrankheiten fort. Es war damals nicht außergewöhnlich, ich war ›eben ein Tschernobyl-Kind‹."

Ein Tschernobyl-Kind. Marina Weisband wurde am 4. Oktober 1987 in Kiew geboren, 100 Kilometer entfernt von Tschernobyl, wo ein Jahr zuvor die dramatische Nuklearkatastrophe passiert war. Ein Tschernobyl-Kind. "Das haben die Ärzte damals meinen Eltern gesagt, als sie verzweifelt zu ihnen kamen", sagt Weisband. "Was wollen Sie – sie ist ein Tschernobyl-Kind."

Kratzspuren an den Armen

Sie kommt als chronisch krankes Kind auf die Welt. Sobald ihre Mutter mit ihr aus dem Haus geht, wickelt sie die Tochter in feuchte Tücher, aus Angst vor dem tödlichen Staub. Es hilft alles nichts, das Kind wird einfach nicht gesund.

Da kommt Marina Weisband die Zeitgeschichte zu Hilfe. Das Land, in dem sie geboren ist, gibt es nicht mehr: Die Sowjetunion löst sich 1991 auf, die Grenzen öffnen sich, besonders für Juden wie die Weisbands wird es jetzt einfacher, das Land zu verlassen. Die Lage in der Ukraine verschlechtert sich, und eines Tages im Jahr 1993 beschließt Marinas Großvater, das Oberhaupt der Familie: "Wir gehen." Ausgerechnet nach Deutschland, in das Land, gegen das der Großvater, Offizier der Roten Armee, 50 Jahre zuvor gekämpft hat.

Wobei "wir" nicht ganz stimmt: Marinas Vater geht, die Mutter bleibt mit Tochter und Sohn in der Ukraine zurück. Sie arbeitet in einer Bank, sie mag es dort, und sie will nicht weg aus ihrer Heimat. Doch ihrer Tochter geht es schlechter und schlechter, die Ärzte sind ratlos. "Schließlich haben sie meiner Mutter gesagt: Wenn Ihre Tochter hierbleibt, wird sie sterben." Und so beschließt die Mutter, dass sie das Leben ihrer Tochter über das eigene Glück stellt: Sie zieht mit den beiden Kindern zu ihrem Mann nach Deutschland. "Wir blieben kurz in einer Notwohnung in Dortmund", schreibt Marina Weisband. "Dann zog Mutter mit uns bei meinem Vater in Wuppertal ein, klammerte sich nachts an uns und weinte." Es sei schwer zu vermitteln, fährt sie fort, "welche Schuld man fühlt, wenn ein anderer Mensch buchstäblich alles geopfert hat, um dein Leben zu retten, sogar wenn es die eigene Mutter ist".

Zwanzig Jahre später, bei unserem ersten Treffen in Berlin, erzählt Marina Weisband von dieser frühen Prägung. Der Umzug nach Deutschland hat ihr das Leben gerettet, mehrere Nachbarskinder von damals, sagt sie, sind mittlerweile tot.

Die Ärzte in Deutschland können ihr helfen, es gibt bessere Medikamente, sie kann in Kur gehen, viele Male. Dadurch ist sie früh und oft von ihrer Familie getrennt, das hilft, in dem fremden Land schnell anzukommen: Sie muss den ganzen Tag deutsch reden, weil niemand Russisch spricht. So lernt sie die Sprache, verliert rasch ihren Akzent.

Marina Weisband ist bis heute nicht gesund, sie leidet an Krankheiten, wie sie sagt, genauer will sie nicht werden. Ihre Krankheiten haben sie im vergangenen Jahr auch dazu gezwungen, vom Amt der Geschäftsführerin der Piratenpartei zurückzutreten, nicht nur der Stress im Amt war schuld.

An diesem Tag in Berlin sitzt sie, ganz in Schwarz gekleidet, auf einem Sessel in einem Café und rührt sich kaum. Es geht ihr nicht gut. Sie verzieht öfter das Gesicht, wenn die Schmerzen zu stark werden, umschließt mit ihren Armen den Oberkörper, als wollte sie sichergehen, dass er nicht auseinanderfällt. Dabei sind an ihren Armen Kratzspuren zu sehen, "Katzen!". Als man nach einer guten Stunde anbietet, das Gespräch zu unterbrechen, winkt sie ab: "Seien Sie mal nicht so zimperlich."

Den ersten Computer am 11. September 2001

Sie hat einen großen Teil ihrer Kindheit zu Hause verbracht, oft war sie bettlägerig. Sie hat gelesen und gelesen, russische Literatur, deutsche Literatur, alles, was sie in die Finger bekam. Ihren reichen Wortschatz hat sie aus dieser Zeit.

Die Tochter schwärmt von ihrer Mutter, die arbeitet heute, von ihrem Mann wieder getrennt, als Buchhalterin. "Meine Mutter hat mein positives Menschenbild geprägt. Sie hat mir immer meine Entscheidungen gelassen. Wenn sie Regeln aufgestellt hat, hat sie sie mir erklärt. Sie hat auf meine Vernunft gesetzt, nie auf Hierarchie, das tue ich bei anderen Menschen auch." Ist das nicht etwas naiv? "Das höre ich oft, aber nein, ich glaube an die Vernunft." Einmal, als die Mutter Marina mit einer Zigarette erwischt, meint sie nur, dass sie nichts dazu sagen werde, die Tochter wisse ja alles. Marina Weisband hat nie wieder geraucht.

Den Ehrgeiz, es in diesem fremden Land zu schaffen, hat sie auch von der Mutter. Marina Weisband erzählt, dass sie nie vergessen wird, wie ihre Mutter sich einmal bei einem Lehrer beklagte, weil ihre Tochter nur eine Zwei bekommen hatte.

Stundenlang bei Wikipedia

Mit ihrem Vater, einem Computerprogrammierer, telefoniert Marina Weisband gelegentlich, zurzeit arbeitet er in Bratislava. Sie schwärmt von ihm als "Visionär", der früh wissenschaftliche Artikel zu Programmiertheorien veröffentlicht hat. "Wenn er mich irgendwo hinbrachte, las er dabei immer ein Buch und ging zu schnell. Ich habe das meiste von dem, was er mir erzählte, nicht verstanden, fand es aber immer interessant."

Ihrem Vater verdankt sie auch die Schreibweise ihres Nachnamens. In der Sowjetunion nannte sich die Familie "Onufrijenko", "weil es angenehmer war, als den jüdischen Namen Weisband zu tragen". Als der Name später in Deutschland aus dem Kyrillischen übertragen werden musste, achtete ihr Vater darauf, dass keine Sonderzeichen verwendet wurden – die Schreibweise sollte Computern keine Schwierigkeiten machen.

Computer sind in Marina Weisbands Leben früh wichtig. Den Tag, an dem sie sich ihren ersten eigenen kauft, wird sie nie vergessen, es ist der 11. September 2001. Sie weiß noch, wie sie im Geschäft auf all den ausgestellten Fernsehern Bilder von den einstürzenden Türmen sieht und denkt, es werde ein Horrorfilm gezeigt. Da ist sie 13 Jahre alt.

Marina Weisband kennt die Welt nicht ohne Internet, sie schließt Freundschaften übers Netz, auch ihren ersten Freund lernt sie hier kennen. Sie geht noch zur Schule, als YouTube, Twitter und Facebook populär werden, und sie, die Musterschülerin, hat plötzlich viele Fehlstunden im Unterricht, weil sie lieber zu Hause vor dem Rechner sitzt und sich stundenlang durch das neue Online-Lexikon Wikipedia liest, als in die Schule zu gehen. Sie ist aufgewachsen mit der Kommentar-Funktion: Beitrag und widersprechender Kommentar als gleichberechtigte Texte. "Vielleicht hat mir auch meine Religion dabei geholfen", sagt sie, "im Talmud ist es ja auch so, Text und Kommentar. Meine Welt ist nicht schwarz-weiß, Himmel oder Hölle."

Man muss all das wissen, um zu verstehen, dass das Netz für sie kein virtueller Raum ist, sondern die Wirklichkeit. Dass sie deshalb nicht weiß, was die Trennung von online sein und offline sein bedeuten soll.

"Ich selbst sehe im Internet viele Probleme"

Das Internet zieht sie auch in die Politik. Als sie 2009 im Netz einen Wahlwerbespot der Piraten entdeckt, merkt sie: Die sind so wie ich. Und tritt in die Partei ein. "Dabei dachte ich bis dahin immer: Politik ist etwas für Deutsche." Ihre Mutter ist perplex, als Marina ihr davon erzählt, du hast dich doch früher nicht für Politik interessiert, sagt sie. Das ändert sich jetzt: Aus dem digitalen Lebensgefühl wird Politik.

Darüber schreibt Marina Weisband in ihrem Buch, über Politik, wie sie sie sich wünscht, transparenter, dadurch nachvollziehbarer. Über die Neutralität des Netzes, die vor dem Einfluss der Konzerne geschützt werden soll, über Liquid Feedback, die Software, mit der sie die Meinungsbildung verändern will, weil sich jeder jederzeit daran beteiligen kann. Über den Feminismus und wie sie ihre Meinung darüber geändert hat. "Früher, als ich nur eine junge Studentin war und niemanden gestört habe, habe ich das Problem gar nicht verstanden. Je erfolgreicher ich wurde, desto klarer wurde mir, wie wichtig Feminismus ist." Einmal auf einer Konferenz, auf der sie im Gegensatz zu einigen älteren Männern Rederecht hatte, erlebte sie direkt, was es heißt, als Frau nicht akzeptiert zu werden, "die haben sich unfassbar empört: Was hat diese Frau schon zu sagen?" Früher hat sie auch eine Frauenquote für ihre Partei abgelehnt. Und heute? Sie sagt, sie schwanke mittlerweile.

Auch mit dem geliebten Netz hat sie ihre Erfahrungen gemacht. "Ich selbst sehe im Internet viele Probleme", schreibt sie in ihrem Buch, die verringerte Aufmerksamkeitsspanne etwa. "Wir gewöhnen uns daran, drei Dinge gleichzeitig zu tun und in einem immer schnelleren Wechsel der Themen zu existieren. Wir kommen kaum noch zur Ruhe." Und: "Wir sprechen im Schutz der scheinbaren Unsichtbarkeit schlimme Dinge gegenüber anderen aus." Sie weiß, wovon sie redet, sie hat das alles selbst erlebt. Als sie sich während der Arbeit an ihrem Buch die Haare rot färbt und ein Foto auf Facebook stellt, liest sie kurz darauf die Kommentare: "Mal wieder muss sich Marina profilieren." – "Russische Maskenjüdin sucht sich einen Ehemann. Wollte heute schon wer kotzen?" – "Also, eine Nacht mit der, dann überlege ich mir meine Wahlentscheidung noch mal... Ich steh halt auf Frischfleisch."

Partei auf Burn-Out

Ihr Magen zieht sich zusammen, nicht wegen eines einzelnen Kommentars, "es ist eher das Gesamtbild. In letzter Zeit scheinen die Menschen total am Rad zu drehen."

Auch in ihrer Partei konnte sie das in den vergangenen Wochen gut beobachten. Am Tag eines unserer Treffen erscheint auf Spiegel Online eine Kolumne von Sascha Lobo. Er diagnostiziert bei der Partei ein Burn-out. "Er hat recht", sagt Marina Weisband. "Und wenn Sie mich jetzt fragen, ob wir im Herbst in den Bundestag gewählt werden oder nicht, sage ich Ihnen: Das ist egal. Es geht bei den Piraten nicht um Ämter und Posten, es geht doch um eine Idee von einer anderen Gesellschaft." Aber ist sie nicht deprimiert über den Zustand der Partei, über das Postengeschacher, über interne Kämpfe, die extern niemanden interessieren? Ihre Antwort fällt knapp aus: "Wer nicht?"

Manchmal hat sie mittlerweile Zweifel, ob eine Partei überhaupt die passende Struktur ist für das, was ihr vorschwebt. "Ich habe mich zwischendurch gefragt, ob es richtig war, dass wir uns als Partei gegründet haben. Einerseits finde ich die Themen wichtig, die wir im bestehenden System vertreten. Wir haben gerade als Partei erst viel über den gesamten politischen Betrieb erfahren, was wir als Bewegung nie erfahren hätten. Und vielleicht werden wir mehr ändern können. Andererseits denken wir gerade über Liquid Democracy als demokratisches Werkzeug nach, und wenn ich mit jemandem über solche großen gesellschaftlichen Fragen diskutiere, und als erste Reaktion kommt: ›Sag mal, wird Johannes Ponader eigentlich wiedergewählt?‹, dann finde ich das schwierig."

Unterhaltungen mit Marina Weisband sind zugleich unterhaltsam und fordernd, manchmal kokettiert sie mit ihrer Bekanntheit, manchmal spricht sie so schnell, dass ihre Gedanken in alle Richtungen sprühen. Und sie kann in Pointen reden, sie purzeln nur so aus ihr heraus. Liegt ihr deshalb Twitter so? Viel mehr als zwei Sätze lässt die Programmierung des Netzwerks nicht zu. "Ich habe mein Leben lang auf Twitter gewartet", sagt sie.

"Ich kann immer noch eine Praxis eröffnen, Spezialgebiet Piraten"

Twitter verführt dazu, sich nicht mehr mit den eigentlichen Texten, sondern nur noch mit den Kommentaren zu beschäftigen. Einmal regt sie sich über einen Artikel auf, der sich mit der Krise der Piraten beschäftigt – und gibt im nächsten Moment zu, den Artikel selbst gar nicht gelesen zu haben. Sondern nur die Twitter-Diskussion darüber.

Zu unserem letzten Gespräch, in Münster um zwei Uhr nachmittags, erscheint sie stark geschminkt. Sie wirkt blass, und dennoch strahlt sie. Bis morgens um sieben hat sie mit Freunden aus der Partei an der Weiterentwicklung von Liquid Feedback gearbeitet. Am Abend hatten sie miteinander telefoniert und gemailt, dann war sie nachts um drei Uhr mit Schmerzen aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Sie schickt einem der Freunde eine Nachricht, er ist noch wach. Also geht es gleich weiter mit der Diskussion, am Telefon und im Netz, bis sie erschöpft ist und einschläft, für ein paar Stunden. Marina Weisband will Grenzen nicht akzeptieren und Ablehnung auch nicht. Wie würde sie sich selbst in einem Satz beschreiben? "Ich halte mich nicht an Vorgaben."

Als sie vor einigen Jahren bei einem Kneipenabend in Münster den Geschichtsstudenten Marcus Rosenfeld kennenlernt, denkt sie noch am selben Abend: "Den Mann mache ich in mich verliebt." Zwei Jahre wird es dauern, bis sie zusammenkommen.

Ein Buch ohne technischen Kopierschutz

Heute sind die beiden verlobt, im Sommer wollen sie heiraten. Marcus Rosenfeld zögert so lange, weil er sich nicht sicher ist, ob es zu viel wird für ihn. "Marina ist klug und witzig", sagt er. "Wenn man sich auf sie einlässt, muss man wissen: Stillstand ist keine Option." Auch an dem Tag unseres Gesprächs haben die beiden kurz nach dem Aufstehen gestritten, erzählt Marina Weisband, ihr Verlobter war von ihren nächtlichen Überlegungen zu Liquid Feedback noch nicht ganz überzeugt. Für die Partei hat sie ihn schon lange gewonnen: Marcus Rosenfeld ist ebenfalls eingetreten und ist heute im Kreisvorstand Münster. Er stand auf der Landesliste für die Wahl in Nordrhein-Westfalen.

Marina Weisband hat sich schon vor einigen Monaten entschlossen, nicht für den Bundestag zu kandidieren. Sie will sich nicht einengen, sagt sie, und dass sie überlegt, ob sie nach dem Abschluss ihres Studiums im Sommer lieber in eine Stiftung wechselt. Bildung ist ihr Thema, und sie glaubt fest daran, dass die heutigen Probleme mit dem Internet mit Bildung zu lösen sind. Sie weiß, dass das für viele naiv klingt, aber sie will sich den Optimismus nicht nehmen lassen. Und wenn das nicht klappt? "Ich kann immer noch eine psychotherapeutische Praxis eröffnen, Spezialgebiet Piraten. Das Patienten-Netzwerk dazu habe ich ja."

Jetzt erscheint erst einmal das Buch. Der Titel Wir nennen es Politik ist eine Anspielung auf den Bestseller Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo, eine Idee ihres Verlegers Tom Kraushaar von Klett-Cotta in Stuttgart. Marina Weisband erzählt, dass sie vorher auch mit anderen Verlagen geredet hat, die Interesse hatten. Aber anders als ihre Parteifreundin Julia Schramm hat Weisband darauf bestanden, dass die elektronische Version ihres Buchs ohne technischen Kopierschutz erscheint. Damit sich jeder kostenlos eine private Kopie ziehen kann.

"Ich wäre eine gute Bundespräsidentin"

Sie ist bereit, dafür einen Preis zu zahlen, und hat auf einen Teil ihres Honorars verzichtet, weil der Verlag mit weniger Einnahmen rechnet. Eine genaue Summe will Kraushaar nicht nennen.

Wie ist es eigentlich, eine Autorin zu verlegen, deren Partei die eigene Branche so vehement angreift? "Zum Glück ist ein Verlag keine Partei, es müssen nicht alle Autoren dieselbe Meinung haben", sagt Tom Kraushaar. "Sonst wäre es auch schwierig, Ernst Jünger und Marina Weisband unter einem Dach zu haben." Was war für Kraushaar die größte Überraschung an der Zusammenarbeit mit Weisband? "Sie ist wahnsinnig diszipliniert, sie hat alle Deadlines eingehalten." Und sie hat verstanden, was ein Verlag einer Autorin bieten kann. "Ich hätte ein solches Buch niemals selber verlegen können", sagt die Piratin Weisband. "Ich hätte einen Lektor beauftragen müssen, einen Vertrieb, eine Marketingagentur – dafür habe ich leider das Geld nicht. Und ich kenne mich zu wenig aus im Buchgeschäft."

In Berlin, am Tag, als sich Marina Weisband tagsüber vor Schmerzen kaum bewegen konnte, ist sie abends Tango tanzen gegangen. Sie liebt das, mit fremden Menschen einen Tanz wagen, dann zieht man weiter. Wenn nur ihre Krankheiten nicht wären. Auf Twitter schreibt sie um 23.05 Uhr: "Wenn man weiter tanzen möchte, aber das Herz nicht will. Beschissenstes Gefühl ever."

Marina Weisband glaubt fest daran, dass die Gesellschaft eines Tages die Probleme, die sie heute mit dem Internet hat, gelöst haben wird. Werden wir das noch erleben? "In ein, zwei Generationen wird es so weit sein", sagt sie und fügt leiser hinzu, sie sei sich nicht sicher, ob sie es noch erleben werde.

Eine letzte Frage. Wäre sie gerne mal für einen Tag Bundeskanzlerin? "Ich wäre eine gute Bundespräsidentin", sagt Marina Weisband und lacht. "Ich kann super winken."

Der Verlobte von Marina Weisband steht nicht auf der Liste zur Bundestagswahl, wie es ursprünglich im Text hieß. Er stand auf der Landesliste für die Wahlen in Nordrhein-Westfalen. Wir haben diesen Fehler im Text geändert.