Twitter verführt dazu, sich nicht mehr mit den eigentlichen Texten, sondern nur noch mit den Kommentaren zu beschäftigen. Einmal regt sie sich über einen Artikel auf, der sich mit der Krise der Piraten beschäftigt – und gibt im nächsten Moment zu, den Artikel selbst gar nicht gelesen zu haben. Sondern nur die Twitter-Diskussion darüber.

Zu unserem letzten Gespräch, in Münster um zwei Uhr nachmittags, erscheint sie stark geschminkt. Sie wirkt blass, und dennoch strahlt sie. Bis morgens um sieben hat sie mit Freunden aus der Partei an der Weiterentwicklung von Liquid Feedback gearbeitet. Am Abend hatten sie miteinander telefoniert und gemailt, dann war sie nachts um drei Uhr mit Schmerzen aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Sie schickt einem der Freunde eine Nachricht, er ist noch wach. Also geht es gleich weiter mit der Diskussion, am Telefon und im Netz, bis sie erschöpft ist und einschläft, für ein paar Stunden. Marina Weisband will Grenzen nicht akzeptieren und Ablehnung auch nicht. Wie würde sie sich selbst in einem Satz beschreiben? "Ich halte mich nicht an Vorgaben."

Als sie vor einigen Jahren bei einem Kneipenabend in Münster den Geschichtsstudenten Marcus Rosenfeld kennenlernt, denkt sie noch am selben Abend: "Den Mann mache ich in mich verliebt." Zwei Jahre wird es dauern, bis sie zusammenkommen.

Ein Buch ohne technischen Kopierschutz

Heute sind die beiden verlobt, im Sommer wollen sie heiraten. Marcus Rosenfeld zögert so lange, weil er sich nicht sicher ist, ob es zu viel wird für ihn. "Marina ist klug und witzig", sagt er. "Wenn man sich auf sie einlässt, muss man wissen: Stillstand ist keine Option." Auch an dem Tag unseres Gesprächs haben die beiden kurz nach dem Aufstehen gestritten, erzählt Marina Weisband, ihr Verlobter war von ihren nächtlichen Überlegungen zu Liquid Feedback noch nicht ganz überzeugt. Für die Partei hat sie ihn schon lange gewonnen: Marcus Rosenfeld ist ebenfalls eingetreten und ist heute im Kreisvorstand Münster. Er stand auf der Landesliste für die Wahl in Nordrhein-Westfalen.

Marina Weisband hat sich schon vor einigen Monaten entschlossen, nicht für den Bundestag zu kandidieren. Sie will sich nicht einengen, sagt sie, und dass sie überlegt, ob sie nach dem Abschluss ihres Studiums im Sommer lieber in eine Stiftung wechselt. Bildung ist ihr Thema, und sie glaubt fest daran, dass die heutigen Probleme mit dem Internet mit Bildung zu lösen sind. Sie weiß, dass das für viele naiv klingt, aber sie will sich den Optimismus nicht nehmen lassen. Und wenn das nicht klappt? "Ich kann immer noch eine psychotherapeutische Praxis eröffnen, Spezialgebiet Piraten. Das Patienten-Netzwerk dazu habe ich ja."

Jetzt erscheint erst einmal das Buch. Der Titel Wir nennen es Politik ist eine Anspielung auf den Bestseller Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo, eine Idee ihres Verlegers Tom Kraushaar von Klett-Cotta in Stuttgart. Marina Weisband erzählt, dass sie vorher auch mit anderen Verlagen geredet hat, die Interesse hatten. Aber anders als ihre Parteifreundin Julia Schramm hat Weisband darauf bestanden, dass die elektronische Version ihres Buchs ohne technischen Kopierschutz erscheint. Damit sich jeder kostenlos eine private Kopie ziehen kann.

"Ich wäre eine gute Bundespräsidentin"

Sie ist bereit, dafür einen Preis zu zahlen, und hat auf einen Teil ihres Honorars verzichtet, weil der Verlag mit weniger Einnahmen rechnet. Eine genaue Summe will Kraushaar nicht nennen.

Wie ist es eigentlich, eine Autorin zu verlegen, deren Partei die eigene Branche so vehement angreift? "Zum Glück ist ein Verlag keine Partei, es müssen nicht alle Autoren dieselbe Meinung haben", sagt Tom Kraushaar. "Sonst wäre es auch schwierig, Ernst Jünger und Marina Weisband unter einem Dach zu haben." Was war für Kraushaar die größte Überraschung an der Zusammenarbeit mit Weisband? "Sie ist wahnsinnig diszipliniert, sie hat alle Deadlines eingehalten." Und sie hat verstanden, was ein Verlag einer Autorin bieten kann. "Ich hätte ein solches Buch niemals selber verlegen können", sagt die Piratin Weisband. "Ich hätte einen Lektor beauftragen müssen, einen Vertrieb, eine Marketingagentur – dafür habe ich leider das Geld nicht. Und ich kenne mich zu wenig aus im Buchgeschäft."

In Berlin, am Tag, als sich Marina Weisband tagsüber vor Schmerzen kaum bewegen konnte, ist sie abends Tango tanzen gegangen. Sie liebt das, mit fremden Menschen einen Tanz wagen, dann zieht man weiter. Wenn nur ihre Krankheiten nicht wären. Auf Twitter schreibt sie um 23.05 Uhr: "Wenn man weiter tanzen möchte, aber das Herz nicht will. Beschissenstes Gefühl ever."

Marina Weisband glaubt fest daran, dass die Gesellschaft eines Tages die Probleme, die sie heute mit dem Internet hat, gelöst haben wird. Werden wir das noch erleben? "In ein, zwei Generationen wird es so weit sein", sagt sie und fügt leiser hinzu, sie sei sich nicht sicher, ob sie es noch erleben werde.

Eine letzte Frage. Wäre sie gerne mal für einen Tag Bundeskanzlerin? "Ich wäre eine gute Bundespräsidentin", sagt Marina Weisband und lacht. "Ich kann super winken."

Der Verlobte von Marina Weisband steht nicht auf der Liste zur Bundestagswahl, wie es ursprünglich im Text hieß. Er stand auf der Landesliste für die Wahlen in Nordrhein-Westfalen. Wir haben diesen Fehler im Text geändert.