Es sind diese Sekunden vor dem Schuss. Der Finger ist am Abzug, das Ziel fest im Visier, der Atem steht still – ein Augenblick höchster Konzentration. David Keene nennt diese Sekunden lachend seinen "Zen-Moment". Nur wer selber jage, könne dieses Glücksgefühl nachempfinden. Waffengegner wie Barack Obama hätten keine Ahnung davon.

Der Präsident der amerikanischen Waffenlobby National Rifle Association (NRA) sitzt daheim in seinem holzgetäfelten Herrenzimmer, ein Jagdgewehr der Marke Hatfield in der Hand. Neben der Hausbar hängt der ausgestopfte Kopf eines afrikanischen Büffels, gegenüber prangen das Geweih eines Rothirschs und die Hörner von Antilopen, auf dem Boden liegt eine Krokodilshaut. Alles Jagdtrophäen. Das Krokodil hat er in Sambia erlegt. "Erst mit dem dritten Schuss." Man müsse exakt das Gehirn treffen, auf eine klitzekleine Stelle in dem riesigen Schädel zielen. Die Wände des Salons zieren bunte Ölbilder, die sein erwachsener Sohn David Junior gemalt hat. Die Motive sind immer gleich: Vater Keene schultert ein Gewehr, Vater Keene zielt mit der Flinte, Vater Keene beugt sich stolz über einen erlegten Büffel oder spielt mit Jagdhunden. Auch Sohn David ist ein Waffennarr. Ihm ist genau das passiert, wovor die NRA so höllisch Angst hat: Der Staat hat ihm seine Waffen weggenommen – auf Lebenszeit. Es ist eines der wenigen Themen, bei denen der Vater wortkarg wird.

Unten am Fluss vor dem Haus scheucht ein schwarzer Hund im Gras die Gänse auf. Vor einem Jahr ist David Keene hierher, nach Fort Washington an einen Seitenarm des Potomac, gezogen, um näher an seinem Jagdrevier zu sein.

David Keene ist wegen seiner Liebe zum Schießen viel unterwegs. Die Nachricht vom Amoklauf in einer Grundschule in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut am 14. Dezember 2012 erreichte ihn in Israel. Dort wollte er sich ansehen, wie schwer bewaffnete private Sicherheitsleute die Schulen vor Attentätern schützen. Keenes erster Gedanke war: Welch eine Tragödie! Sein zweiter: Obama und die Waffengegner werden den nächsten Angriff starten und versuchen, den Amerikanern ihre Gewehre und Pistolen wegzunehmen!

Erstmals haben die Waffengegner genauso viel Geld wie die NRA

Seither ist der 67-jährige Keene, Jurist, Lobbyist, Jäger, Waffensammler, der wichtigste Gegenspieler Obamas im Kampf um strengere Waffengesetze. Der Präsident der USA gegen den Präsidenten der NRA. Keene ist in der Debatte allgegenwärtig – nicht nur auf dem erzkonservativen Sender Fox News, sondern auch auf den liberalen Fernsehkanälen. Keene, und das ist ungewöhnlich für die NRA, redet mit allen. Jovial, verbindlich und kompromisslos. Mit dichtem grauen Haar, runder Brille und nimmermüdem Hang zu Anekdoten wirkt er nicht martialisch wie der alte NRA-Held und Hollywood-Schauspieler Charlton Heston, sondern großväterlich. Er ist das sympathische Gesicht einer Organisation, die sogar einige Republikaner wegen ihrer Kompromisslosigkeit "extremistisch" nennen.

Draußen stechen die ersten Sonnenstrahlen durch den Frühnebel, ein Angler wirft seine Leine aus. David Keene lässt die politischen Schlachten der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren. Jede ist verbunden mit einem Amoklauf: Columbine 1999, Virginia Tech 2007, Tucson 2011, Aurora 2012. Jedes Mal dasselbe Ritual, sagt er, die Linken wollten die Waffen abschaffen, die NRA wehre sich. "Aber das waren gute Jahre, wir haben immer gesiegt." Auch seit Newtown treibt die wahnhafte Furcht vor einer Verschärfung des Waffenrechts der NRA massenhaft neue Mitglieder zu, der Verein ist in nur zwei Monaten um mindestens 100.000 auf knapp viereinhalb Millionen angewachsen. Die NRA erstarkt immer dann, wenn sich die Waffenfreunde in der Rolle der Opfer sehen, der Verfolgten. Und dennoch sagt Keene diesmal: "Es wird der schwerste politische Kampf meines Lebens."

Bewaffnete Lehrer sollen Amokläufe an Schulen verhindern

Newtown ist eine Zäsur. 28 Tote, darunter 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren, sechs Lehrerinnen, die Mutter des Täters, der sich schließlich selbst umbrachte. Zum ersten Mal seit Langem haben die Befürworter schärferer Waffengesetze wieder eine Mehrheit in der amerikanischen Gesellschaft. Ein breites Bündnis von Überlebenden solcher Massaker, von Angehörigen der Opfer, von Polizisten und Politikern hat sich formiert und fordert, angeführt von Präsident Obama, dreierlei: ausnahmslose Überprüfung aller Waffenkäufer, ein Verbot halb automatischer Sturmgewehre und von Magazinen mit mehr als zehn Schuss. Mehr noch als Obama fürchtet David Keene den New Yorker Bürgermeister und erklärten Gegner der Waffenlobby, Michael Bloomberg. Der Milliardär hat so viel Geld bereitgestellt, dass es das Bündnis der Gegner erstmals mit der reichen NRA aufnehmen kann. "Waffengleichheit", sagt Keene.

Das will etwas heißen. Die NRA nimmt jährlich 200 Millionen Dollar an Mitgliedsbeiträgen und Spenden ein, unter anderem von großen Waffenherstellern. Zudem verfügt der Verein über ein ausgeklügeltes und hocheffizientes System politischer Einflussnahme. Penibel führt die NRA Buch über das Abstimmungsverhalten sämtlicher Politiker und erteilt ihnen Noten. Die Willfährigen werden mit Wahlkampfspenden belohnt, die Widerspenstigen mit Schmähkampagnen überzogen. Im Wahlkampf 2000 zum Beispiel machte die NRA gegen Al Gore mobil, nachdem der demokratische Präsidentschaftskandidat für ein schärferes Waffenrecht plädiert hatte.