Der alte Herr sprach oft vom Tod, dem eigenen. Ohne eine Spur von Furcht, ohne Groll, ohne Seufzen über das Gebirge der Probleme, die er unerledigt zurücklassen müsse. Er hoffe, sagte er, dass er sich noch ein paar Jahre unter uns aufhalten dürfe, mit einem wachen Geist und einem gesunden Körper. Doch er sei aufs Sterben vorbereitet, das Teil des Lebens sei.

Es war spät, fast Mitternacht. Vor Kurzem war sein Aufruf Indignez-vous! in Frankreich millionenfach verkauft, auf Deutsch unter dem Titel Empört Euch! erschienen: sein Protest gegen die würgende Macht des Total-Kapitalismus und seine Menschenfeindlichkeit, gegen die Unfähigkeit unserer erstarrten Demokratien, das Ungeheuer zu zähmen. Reinhold Beckmann hatte Stéphane Hessel darum in seine Talkshow geladen, die sich an ein erwachsenes Publikum wendet und nicht immer die gleichen ausgeleierten Berliner Promi-Gesichter vorführt. Neben ihm saß nur der Ex-Minister Klaus von Dohnanyi, der als deutscher Pflichtmensch darauf pochte, dass Protest nicht genug sei, dass es vielmehr ein positives Engagement brauche, um die Verhältnisse zu ändern.

Doch als Stéphane Hessel, durch eine Frage des Gastgebers herausgelockt, begann, von seinem Leben zu erzählen, vom Erbe seiner Eltern (zu denen auch sein zweiter, französischer Vater zählte – "Jules et Jim"), vom Auftrag seiner ungewöhnlichen Berliner Mutter, das Glück zu suchen, es weiterzutragen, auch in den dunkelsten Augenblicken die Liebe zu den Menschen nicht preiszugeben, selbst nicht unter der Gestapo-Folter und in Buchenwald (wie es ihm widerfuhr), mit einer gelassenen Heiterkeit durchs Leben zu gehen, bis zum Tode hin – da schwiegen die beiden, Beckmann und Dohnanyi (die sich beide gern reden hören).

Sie waren, wie ich und wohl Tausende andere Zuschauer, überwältigt von der verzaubernd fröhlichen Kraft dieses alten Herrn, der keinen Anstand nahm, uns voller Vertrauen die Grundelemente zu zeigen, die Menschlichkeit ausmachen und die sein begnadetes Herz schlagen ließen. Der uns überdies durch die Schönheit des Deutschen entzückte, das er sprach und das er aus seiner Kindheit bewahrt hatte, immer wieder durch die deutschen Gedichte erneuert, die er zu Dutzenden auswendig aufsagen konnte (wie auch die große französische Poesie).

Auf seinen Tod, sagte er heiter, warte er mit Neugier. Er sei gewiss, dass er den Übergang in eine andere Existenz bewusst erlebe, auch wenn es die Verwandlung in Materie und ihre Energie sei. Schließlich zitierte er, ohne es zu wissen (oder doch?), den Text der "ekstatisch jubelnden" Arie (wie Albert Schweitzer schrieb) aus einer dem Diesseits fast schon entrückten Bach-Kantate: Ich freue mich auf meinen Tod. Nun ist der 95-Jährige zu Haus in Paris gestorben. Mich (kaum zehn Jahre jünger) ließ dieser wunderbare Mensch an jenem Abend bei Beckmann tief berührt, getröstet, ja heiter zurück. Eine große Stunde des großen Stéphane Hessel.