Wofür braucht man heute noch jemanden, von dem behauptet wird, er sei unfehlbar? Schon Theodor Mommsen hatte vor über 100 Jahren erklärt, Katholiken könnten keine Wissenschaft betreiben, da sie ja an die Unfehlbarkeit des Papstes glaubten. Doch dem liegt ein Missverständnis zugrunde. Auf dem Ersten Vatikanum wurde die Unfehlbarkeit des Papstes als Dogma definiert. Definition heißt aber, wörtlich übersetzt, Begrenzung. Nur in ganz bestimmter Form und in einem eng begrenzten Bereich kann der Papst unfehlbar reden, und dabei darf er vor allem nichts Neues sagen. Kein Wunder, dass dieses Dogma aus dem Jahre 1870 nur ein einziges Mal in feierlicher Form angewandt wurde.

Dennoch hat es jeden Tag Bedeutung, nämlich als Unfehlbarkeitsverbot. Einer Milliarde Katholiken ist es verboten, unfehlbar zu sein, und dem Papst meistens auch. Das gilt schon für keinen deutschen Stammtisch. Als ich Kardinal Ratzinger einmal diese Deutung vortrug, stimmte er sogleich zu. Und als Papst betrieb er geradezu eine Ökumene der päpstlichen Zurückhaltung. Kein Papst hat so häufig erklärt, er sei nicht unfehlbar, und zur Kritik an seinen eigenen Worten und Taten aufgefordert. Merkwürdigerweise irritiert das die Konservativen und Progressiven gleichermaßen. Beide wollen einen starken Papst, der das Alte stark verteidigt oder das Neue stark durchsetzt. Doch das übersieht die Eigenart dieses machtironischen Amtes. Einen Stellvertreter Christi, der wie Benedikt XVI. leise redend oder gar verstummend auf Christus selber zeigt, diese großartige Vorstellung ist für beide Parteien kaum erträglich.

Man kann also das Unfehlbarkeitsdogma als liberales Dogma lesen, das in der Kirche Vielfalt ermöglicht, da niemand außer dem Papst mit Recht erklären dürfte, er allein wisse um die Wahrheit, und der Papst das in der Regel eben nicht tut. Das aber ist das Geheimnis des Katholischen. Dass diese riesige älteste Institution der Welt nicht immer wieder an ideologischen Streitigkeiten zersplittert ist, ist dem Prinzip der Einheit in Vielfalt zu verdanken – und das Papsttum ist dessen Exekutive.

Als Ende des 16. Jahrhunderts ein erbitterter Streit ausgerechnet zwischen den beiden theologischen Eliteorden, den Jesuiten und den Dominikanern, über die Gnadenlehre ausbrach, in dem beide Seiten sich der Irrlehre bezichtigten, kam es nach zehnjährigen gelehrten Debatten zu einer genialen päpstlichen Entscheidung. Paul V. untersagte die Verketzerung der jeweils anderen Seite und ließ die Frage nach der wahren Gnadenlehre offen. Man musste also ertragen, dass es andere in derselben Kirche gab, die in einer wichtigen theologischen Frage anderer Auffassung waren.

Dieses Exklusivitätsverbot ist gerade für katholische Ordensleute eine veritable Zumutung. Denn sobald etwa ein Franziskaner auch nur denken würde, Franziskaner seien bessere Katholiken als andere Ordensangehörige, wäre er, streng genommen, nicht mehr katholisch. Das Exklusivitätsverbot, das den Katholizismus mit allen Nationalismen in Konflikt brachte, macht auch katholische Sekten unmöglich, denn jede Gruppe innerhalb dieser Kirche muss mindestens eine Autorität außerhalb anerkennen: den Papst. Wir brauchen also das Papsttum gegen die alltäglichen Unfehlbarkeiten, wir brauchen es gegen den Chauvinismus und für einen lebendigen Aufbruch aus unseren eigenen Spießigkeiten in eine neue Zeit. Wir brauchen einen Papst, der uns alle fruchtbar irritiert.