Herde und Hirten bleiben zurück - ohne ihren Oberhirten. Unter Jubel und Trauer ist der Papst nun tatsächlich zurückgetreten. Mit Benedikt XVI. verabschiedete sich einer der bedeutendsten lebenden Theologen aus einem der bedeutendsten Ämter der Welt. Er legte die Leitung der ältesten Institution unserer Geschichte nieder. Viele Menschen haben ihm für diesen sensationellen Schritt Respekt gezollt, aber einige fühlen sich auch alleingelassen. Es sind treue Papstfans, gutkatholische Lebensschützer und Anhänger der Lateinischen Messe, die nun ihre Stimmen erheben. Sie wollen den Abschied nicht akzeptieren. Sie finden, der Heilige Vater darf nicht gehen.

Denn heilig bleibt heilig. In konservativen Netzwerken, Blogs und Leserbriefen äußern sich bekannte wie unbekannte Kritiker. Ähnlich wie der Philosoph Enrico Maria Radaelli oder der Kirchenhistoriker Roberto de Mattei sehen sie in diesem Rücktritt einen "revolutionären" Angriff auf das Amt, einen Bruch der Tradition, der vielleicht Abbrüche einleitet und den Ruin der Kirche ankündigen könnte. Ein Kardinal soll gar geschimpft haben, Benedikt sei vom Kreuz herabgestiegen und habe sich "aus dem Staub gemacht".

Stimmt es aber, was die enttäuschten Papstfans nun über das Papstamt sagen? Der körperliche Zustand eines Papstes sei noch nie ein Kriterium fürs Kirchenregiment gewesen. Und ein historischer Ausnahmezustand wie bei Coelestin V. oder Gregor XII. läge bei Benedikt XVI. auch nicht vor. Weil Jesus getötet wurde, müsse auch sein Stellvertreter ausharren, bis dass der Tod Amt und Person scheide. Was der Herr über Leben und Tod verbunden habe, das dürfe der Mensch nicht trennen. So lautet die fromme Denkungsart. Und die Frommen haben viele Argumente. Wenn Petrus als erster Papst sein Leben mit einem Martyrium beendet habe, noch dazu in Rom, dann dürfe sein Stellvertreter nicht einfach leidenslos Schluss machen – zumal der Vorgänger Papst Benedikts seine Passion bis zum Schluss durchlitten, ja sein Sterben veröffentlicht habe.

Der Hauptvorwurf aber lautet: Benedikt als nun "geschiedener" Papst habe gewissermaßen das Papstamt nivelliert und dessen Status, der bisher alle Kardinäle und Bischöfe weit überragte, deklassiert. Tatsächlich müssen diese geistlichen Hierarchen im Unterschied zum Papst von einem bestimmten Lebensalter an ihren Amtsverzicht erklären oder zumindest bestimmte Amtshandlungen unterlassen. Nun fragen sie: Hat nicht Benedikt ein wichtiges Unterscheidungszeichen von Kirche und Welt aufgegeben, da doch in der Welt alle Ämter auf Zeit gälten und Rücktritte üblich seien? Solle die weltliche Trennung von Amt und Person nun auch für den Pontifex gelten?

Benedikt habe eine unlösbare Verbindung gelöst, wie wir sie aus dem Ehesakrament und aus dem Kontext der Familie kennen, die nicht nur den Deutschen heilig ist: Was aber einem irdischen Familienvater verboten sei, müsse erst recht für den Heiligen Vater tabu sein! Benedikt habe also das Papsttum entsakralisiert. Er habe einer künftigen Säkularisierung des Amtes Vorschub geleistet.

Aber stimmt das? Tatsächlich bereitete "Seine Heiligkeit" reaktionären Kräften innerhalb der Kirche eine Niederlage, denn aus ihrer Sicht droht das amtscharismatische Felsenfundament der Kirche ohnehin zu zerbröseln. Doch nicht nur sie sind irritiert. Die offenen Fragen lauten nach diesem Rücktritt: Kann ein künftiger Papst noch "Heiliger" Vater sein? Repräsentiert er noch immer ein einzigartiges Amt und damit das "ganz Andere"? Wird er künftig mehr sein als ein Bischof, als ein kirchlicher Funktionär, der zum Rücktritt gezwungen werden kann?

Die konservativen Papstfans haben etwas Treffendes erfasst: Derjenige Papst, der in Freiburg eine Entweltlichung der Weltkirche anregte, trägt mit seinem Rücktritt vermutlich mehr zur "Verweltlichung" seiner Kirche bei, als uns momentan bewusst ist. Seine Kirche ist in Bewegung geraten, sie transformiert sich nicht nur durch massive Selbstbeschädigungen etwa im Zuge der Missbrauchsfälle, sondern nun auch von ihrem Haupt, von ihrem Oberhaupt her. Wir aber an der Basis sind Zeitzeugen einer Entzauberung der Kirche, die der "Entzauberung der Welt" (wie Max Weber sie nannte) folgt. Erinnern wir uns: Letztere ging vom Judentum und vom Christentum aus. Ein Kreis schließt sich.