Seit anderthalb Jahren wird Franz-Xaver Stubenitzky, Pfarrer in Etzelsbach, immer wieder gefragt, wo der Papst genau gestanden habe. Stubenitzky zeigt dann auf eine Wiese, die neben seiner Kapelle liegt. Wo sommers Kühe weiden, stand im September 2011 Papst Benedikt XVI. und feierte eine Vesper, mit 90.000 Menschen.

Manch einer aus der Region hätte die Wiese danach gern zu einem Pilgerziel gemacht. Aber das Land gehört einem Bauern. "Es bringt keinen Frieden, wenn wir über dessen Eigentum verfügen", sagt Stubenitzky. Die Hauptsache sei doch, dass so viele Menschen nun von dem Wallfahrtsort hier im Eichsfeld gehört hätten.

Das Eichsfeld ist so etwas wie eine kleine erzkatholische Insel im Nordwesten des protestantisch geprägten Thüringen. Seit dem Papstbesuch hat sich die jährliche Zahl der Besucher in Etzelsbach verdoppelt. Sie kommen in Bussen, aus Prag oder Bergamo, aus dem Schwarzwald oder dem Ruhrpott. Sogar der Eichsfelder Heimat- und Verkehrsverband zählt deutlich mehr Übernachtungsgäste.

Allein 7000 Menschen feierten im September 2012 eine Messe zum Jahrestag des Papstbesuches, Kardinal Joachim Meisner kam dafür eigens aus Köln angereist.

Als Benedikt 2011 wieder abreiste, nahm er ein Andenken mit: Regierungschefin Christine Lieberknecht (CDU) schenkte ihm ihre Diplomarbeit, eigens neu gebunden. Schon vor Jahrzehnten hatte sie, die evangelische Theologin, darin Joseph Ratzinger zitiert.

Eingeladen hatte den Papst noch Lieberknechts Vorgänger: Dieter Althaus (CDU), Ministerpräsident von 2003 bis 2009, gilt als Inbegriff des ostdeutschen Katholiken. Bei Benedikts Besuch war Althaus nicht mehr der Gastgeber, aber selbst zu Gast. Hier spricht er über jene Tage, in denen die katholische Welt nach Thüringen sah; und den Einfluss der Christen in den neuen Ländern.

DIE ZEIT: 2011 reiste Papst Benedikt XVI. ins Eichsfeld. Was war Ihr Anteil daran?

Dieter Althaus: In zwei Audienzen hatte ich ihm ans Herz gelegt, in die neuen Länder, vor allem ins Eichsfeld, zu kommen. Der Papst sagte, er habe sich schon als Jugendlicher gewünscht, diese Region persönlich kennenzulernen.

ZEIT: Bei seinem Besuch betonte der Papst, wie schwer es die Christen im Osten hatten. Andererseits fällt auf, dass in Sachsen seit 1990 immer Katholiken regieren; und Sie waren vor Ihrem Wechsel in die Wirtschaft Ministerpräsident Thüringens. Wieso sind Katholiken hier so mächtig?

Althaus: Wir ostdeutschen Katholiken haben uns schon im Sozialismus innerlich darauf vorbereitet, in Zeiten der Freiheit Verantwortung zu übernehmen. Ich war zum Beispiel in der katholischen Studentengemeinde aktiv. Dort haben wir uns etwa mit sozialer Marktwirtschaft beschäftigt, und ich habe Ludwig Erhard gelesen. Das war später von Vorteil.

ZEIT: Erklärt das schon, wieso im Osten Deutschlands, der ja als eine der gottlosesten Regionen der Welt gilt, christliche Politiker so erfolgreich sind?

Althaus: Es kann nur gewählt werden, wer sich zur Wahl stellt. Offenbar engagieren sich auch Christen in großer Zahl. Dabei tragen wir den Glauben nicht vor uns her, erheben keine Allmachtsansprüche.

ZEIT: Gab es nicht manchmal Kritik daran, dass Christen in der Politik so überrepräsentiert sind?

Althaus: Es gab auch kritische Fragen. Nur haben wir uns nie durch die Hintertür in die Verantwortung geschlichen.

ZEIT: Es heißt, Katholiken im Osten nähmen ihren Glauben besonders ernst. Stimmt das?

Althaus: Wir haben im Osten für den Glauben ja auch kämpfen müssen. Das hat uns gefordert und stark gemacht. Dabei ging es oft um kleine, aber wichtige Entscheidungen. Beispiel Jugendweihe: Hätte ich da mitgemacht, hätte ich mich dem atheistischen System zu sehr unterworfen. Also entschied ich mich dagegen. Ich hätte auch nach dem Studium promovieren können – ich wollte aber nicht in die SED.

ZEIT: Die Kirche wird bisweilen dafür kritisiert, dass sie sich zu sehr in die Politik einmische...

Althaus: Ich selbst habe da keine negativen Erfahrungen gemacht. Kirche und Staat sind in Deutschland getrennt, das muss auch so sein.

ZEIT: Im Bundeskabinett sitzt noch ein einziger Katholik, Peter Altmaier. Sehen Sie da Defizite?

Althaus: Es gibt ja noch viele Katholiken im Bundestag. Ich mache mir da keine Sorgen. Aber natürlich sind die Katholiken selbst in der Bringpflicht. Sie müssen sich politisch engagieren, dann spielen sie auch eine entsprechende gesellschaftliche Rolle.