Ein Wahlkampf findet nicht statt. Wenn in den kommenden Tagen die Kardinäle ihre Stimmen für einen neuen Papst abgeben, dann hat das wenig mit Mediendemokratie zu tun. Zwar hingen eben erst riesige Wahlplakate für den schwarzen Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson in den Straßen Roms. Aber die Römer dürfen nicht wählen. Und wenn sie die Wahl hätten, würden sich Händler, Taxifahrer und Gastwirte wohl eher einen Ghanaer als einen italienischen Papst wünschen: Ausländer bringen mehr Touristen in die Stadt. In den Wettbüros zumindest liegt Turkson vorn. Insgeheim hoffen die Römer aber auf den Kanadier Marc Ouellet statt auf den Afrikaner: Kanadische Papsttouristen erscheinen ihnen lohnender als afrikanische. Die Kaufkraft macht den Unterschied.

ZeroZeroKappaKappa heißt die Künstlergruppe, die den gefälschten Turkson-Wahlkampf gestartet hat. Ihre Aktion betont auf ironische Weise die Andersartigkeit des Vorgangs, der jetzt im Vatikan abläuft. Dies ist keine Wahl eines Bundeskanzlers oder Vereinsvorstandes. Doch die Medien missachten das andere und sehen den Vatikan gern durch die Brille der Politik. Sie schreiben: "Ein früher Konklavebeginn nützt den italienischen Kardinälen" (Die Presse). Oder: "Die Kirchenmänner lassen sich von knallharten machtpolitischen Interessen leiten" (Profil). So profan ist die Sache aber nicht.

Nun wird niemand das Politische an der Geschichte der Päpste leugnen. Immer schon versuchten Mächtige, die Ressource "organisierte Religion" zu vereinnahmen: Adel und Patrizier, Kaiser und Fürsten, Medien und Geschäftemacher. Den Anfang machten römische Stadtfamilien, die schon zu Zeiten des Imperiums das Amt unter sich ausmachten, ob durch Kompromiss oder Waffengewalt oder Kauf. Damals konnte man mehrfach Papst werden. Ein Tiefpunkt war wohl Papst Benedikt IX., der im Annuario, das eine offizielle Liste der Päpste enthält, gleich dreimal aufgeführt wird: von 1032 bis 44, dann wieder 1045, und 1047 bis 48 mit dem lakonischen Zusatz terza volta – drittes Mal.

Höchste Zeit, das Papstamt zu reformieren: Das war die Geburtsstunde des Kardinalskollegs. Erstmals war zur Papstwahl nur eine eng umschriebene Gruppe berechtigt, die Kardinäle. Es dauerte jedoch, bis die Regel sich durchsetzte, weil deutsche Kaiser und italienische Familien immer wieder eingriffen. Man missbilligte die Demokratisierung, man wollte weiter Einfluss. Und wie immer in der Politik ist, wo ein Wille, auch ein Weg: Nun beeinflusste man eben die Kardinäle. Auf der endlosen Liste der Papstmacher sind die Borgia und die Medici nur die Berüchtigtsten. Es kam zu Kauf und Erpressung von Stimmen, es wurden Neffen und Söhne zu Kardinälen ernannt, es gab sogar Morde. Am Tod eines Medici-Bankers im Dom von Florenz war der damalige Papst wohl nicht unschuldig. Neue Methoden, altes Spiel.

Die Geschichte des Konklaves muss man parallel dazu lesen. Die Dokumente sind trocken und kompliziert, aber es ist die dramatische Geschichte zahlloser Versuche, die Macht aus der Papstwahl herauszuhalten. Der berühmtest Versuch ist bis heute gültig: das Konklave. Konklave heißt verschließbares Gemach, das Wort kommt von lateinisch cum clave – mit Schlüssel. Doch gemeint ist weniger ein Einschließen als ein Ausschließen.