Kurz bevor man Anne Tylers Haus in Rowland Park, einer Wohnsiedlung am Rand von Baltimore, erreicht, passiert man einen Schlagbaum. Die Schranke ist offen, niemand kontrolliert den Besucherverkehr, doch man hat den Eindruck, in geschütztes Gelände vorzudringen. Laubbäume säumen den Weg zu Tylers Holzhaus, die Siedlung wirkt gepflegt – ganz anders als in der Fernsehserie The Wire, die Baltimore, eine Hafenstadt nahe Washington, zum Synonym für den Niedergang amerikanischer Großstädte gemacht hat. Die Serie erzählt von Kriminalität, Korruption und Verwahrlosung. Hier draußen in der Vorstadt ist nichts davon zu erkennen.

Anne Tyler ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur und dennoch wenig sichtbar. Obwohl ihr Roman Die Reisen des Mr. Leary sehr erfolgreich verfilmt worden ist, ihre Bücher sich millionenfach verkauft haben und vielfach übersetzt worden sind, ist einem Tylers Gesicht nur vom Autorenfoto der Buchumschläge vertraut. Die Schriftstellerin geht nicht auf Lesereisen, hält keine Vorlesungen und hat bislang keine Interviews gegeben. Jetzt, mit 72 Jahren, öffnet sie sich zaghaft. Als sie vergangenen Sommer einen britischen Literaturpreis erhielt, hat sie mit dem Guardian gesprochen, ein paar Monate vorher war sie beim US-Radiosender NPR zu hören, auch eine Premiere. Warum schottet sie sich so entschieden ab?

Den Besuch aus Deutschland empfängt die Schriftstellerin zum Mittagessen. Es gibt einen Auflauf aus Spinat und Käse. Tyler ist schlank und hochgewachsen, ihre silbergrauen Haare hat sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen. Sie trägt graue Stricksachen aus Kaschmir und hat mit ihren eisblauen Augen und den hohen Wangenknochen den kühlen Gesichtsausdruck eines Huskys. Sie wirkt reserviert und fürsorglich zugleich.

Im Esszimmer hängt ein Bild, das ein amerikanisches Farmhaus aus dem 18. Jahrhundert zeigt. Darauf streut eine Frau Hühnerfutter auf einer Veranda aus, bleischwer senkt sich der graue Himmel auf sie nieder, grau sind auch die verwitterten Holzwände des Gebäudes. Im Vordergrund des Bildes ist ein Maschendrahtzaun gespannt, was den beklemmenden Eindruck der Szene verstärkt. "Jedes Mal wenn ich hinschaue, fühle ich mich einsam", sagt Anne Tyler und klingt dabei heiter. Mehrmals am Tag hat sie das Bild im Blick. Einsamkeit ist offensichtlich ein Zustand, den sie schätzt.

Scheut sie die Menschen, und wenn ja, warum? Für ihre Antwort holt Anne Tyler etwas weiter aus. Manchmal werde sie beim Einkaufen von einem Leser angesprochen, und bei diesem Small Talk sei ihr die ganze Zeit bewusst, dass sie anders klinge als in ihren Büchern. "Ich habe das Gefühl, die Leute wollen etwas Geistreiches oder Lustiges von mir hören – dabei will ich einfach nur Brokkoli kaufen. Es ist vermutlich unmöglich, einen Leser nicht zu enttäuschen, wenn er mich persönlich trifft."

Sie sagt, sie lehne Öffentlichkeitsarbeit ab, weil die ihr die Unbefangenheit rauben würde, die sie fürs Schreiben brauche. "Immer wenn ich übers Schreiben spreche, kann ich eine Weile nicht mehr schreiben. Also lasse ich es lieber." Aus demselben Grund liest sie seit Jahrzehnten keine Rezensionen. "Wenn jemand meine Dialoge lobt, denke ich beim Schreiben, oh, du solltest mehr Dialoge einbauen, das kannst du gut." Ist es einfach Selbstdisziplin, die Tyler vor Jahren dazu bewogen hat, sich abzukapseln? Jedenfalls scheint sie besonnen mit ihren Ressourcen umzugehen.

"Nach den Interviews im letzten Jahr hatte ich das Gefühl, ich muss mich eine Weile verkriechen, um wieder arbeiten zu können. Es war eine schöne Erfahrung, und ich habe interessante Leute getroffen, keine Frage – aber ich brauchte Zeit, um darüber hinwegzukommen." Tyler sitzt kerzengerade auf dem Sofa im Wohnzimmer, wo nach dem Essen das Interview stattfindet. Alle ihre Gesten sind beherrscht, und das Unauffällige ihrer grauen Kleidung findet sich auch im Ambiente des Hauses wieder, in dem sie seit dem Tod ihres persischen Ehemanns Taghi Modarressi vor 15 Jahren allein lebt. Die Räume sind hell und übersichtlich, alle Gegenstände haben eine Funktion, nichts liegt einfach nur herum. In Tylers Rücken lodert ein Kaminfeuer. Es wird mit Gas betrieben, lässt sich per Knopfdruck regulieren und macht keinen Dreck. An der Oberfläche wirkt Tylers Leben maßvoll und kontrolliert.

Sie war 23, als sie ihren ersten Roman veröffentlichte. Die New York Times lobte das Debüt als "außergewöhnlich gelungen", sprach von "sanfter Weisheit" und "großer Unterhaltsamkeit". "Manche Autoren lernen nie, wie man gut schreibt. Anderen, wie Frau Tyler, scheint das Talent angeboren zu sein", schrieb der Kritiker damals. Inzwischen hat Tyler 18 weitere Romane veröffentlicht und gehört zu den 250 Mitgliedern der ehrwürdigen American Academy of Arts and Letters. Unter den vielen Preisen, die ihr verliehen wurden, sind so unterschiedliche Auszeichnungen wie der Mademoiselle Award for Writing und der Faulkner Award for Fiction. Tylers Bücher sprechen sowohl ein breites Publikum als auch die Kritiker an.