Der Inhalt war gar nicht so wichtig. Die Gegner spielten lieber auf den Mann. "Wenn Journalisten in der Schweiz nicht weiterwissen, halten sie Professor Kunz ein Mikro unter die Nase. Er ist immer für ein Statement im Interesse des Kapitals gut", ätzte Susanne Leutenegger Oberholzer, die SP-Nationalrätin. "Besonders für jene Fraktionen, die ihn zuvor für ein Gutachten bezahlt haben."

Gemeint war Peter V. Kunz. Als der Professor an der Universität Bern, bekannt aus unzähligen Medienauftritten, mitten im Abstimmungskampf um die Abzocker-Initiative sein Rechtsgutachten vorlegte, kümmerte sich das Team um Thomas Minder wenig darum, weshalb der Wirtschaftsjurist Kritik übte am Verfassungspaket. Ihnen reichte zu wissen, wer die 175 Seiten dicke Studie finanziert hatte: Economiesuisse. 80.000 Franken kostete das Papier den Wirtschaftsverband.

Und Peter V. Kunz musste sich nun als "Stücklohnschreiber" bezeichnen lassen.

Dabei ist das, was der Berner Rechtsprofessor hier tat, keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel an den Schweizer Universitäten. Ihre staatlich besoldeten Professoren forschen im Auftrag von Pharmafirmen, schreiben Expertisen für Großbanken, verfassen Gutachten für Lobbygruppen oder Studien für Gewerkschaften. Diese Forschungsmandate und Dienstleistungen sind ein halbes Milliardengeschäft: 594 Millionen Franken erwirtschaften die neun Universitäten und zwei ETH jährlich damit. Das deckt 8 Prozent ihrer Kosten. Kein riesiger Anteil, aber er wird von Jahr zu Jahr größer.

Die Finanzierung über sogenannte Drittmittel wird von den Universitäten verlangt. So steht es im Gesetz. Und die Hochschulen geben den Wunsch an ihr Personal weiter.

Vor wenigen Wochen erst beschloss der Zürcher Kantonsrat, das Anschaffen von privatem Geld im Leistungsauftrag der Universität zu verankern. Je mehr Geld von Firmen, Stiftungen oder Mäzenen eine Hochschule akquiriert, desto mehr Geld kriegt sie vom Staat. Wem hat, dem wird gegeben.

Das Matthäus-Prinzip herrscht auch innerhalb der Universitäten selbst. Ein Professor verbringt heute unzählige Arbeitstage als Geldeintreiber. Verweigert er sich, ist seine Forschung gefährdet. Es ist ein Teufelskreis.

Viele Professoren aber finden Gefallen an Beschäftigungen und Projekten außerhalb von Hörsaal und Seminarraum. Sie sitzen in Verwaltungs- und Stiftungsräten, sie gründen eigene Unternehmen, sie bereichern Thinktanks oder Beratungsgremien. 52 von 430 Professoren der ETH Zürich gehören einem Verwaltungsrat oder einer Geschäftsleistung an – dies fand Der Sonntag vor wenigen Wochen heraus. An der Universität Zürich hat etwa ein Drittel der Professoren solch ein Nebenamt, in Bern ist es rund die Hälfte. Die Eidgenössische Finanzkontrolle untersuchte 2009 ihrerseits die Nebentätigkeiten der Professoren. Sie schätzt, dass die 2.500 Professoren – mit einem Durchschnittslohn von 200.000 Franken – gegen 75 Millionen Franken in die eigenen Taschen wirtschaften. Macht rein arithmetisch 30.000 pro Kopf, die da während der Arbeitszeit zusätzlich verdient werden. Und zwar völlig legal.

Nein, dass die Wissenschaftler unserer Zeit im Elfenbeinturm sitzen, kann man ihnen beim schlechtesten Willen nicht mehr vorhalten – sie sind so gut in der Privatwirtschaft integriert wie nie zuvor.

Peter V. Kunz wurde dies nun vorgehalten. Dabei unterscheidet sich der Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Bern von vielen Hochschuljuristen in einem wichtigen Punkt: Er ist neben seiner Professur nicht auch Partner einer Großkanzlei – einer Kanzlei also, die von Aufträgen der Privatwirtschaft lebt. Die Verquickung von Geld und Geist wird auf diesem indirekten Weg viel ersprießlicher. Benötigt ein Unternehmen in der Schweiz heute ein Rechtsgutachten mit Professorenunterschrift, kann es sich an eine der bekannten Anwaltsfirmen halten, der es ohnehin ständig Aufträge erteilt. All diese Büros halten Teilzeitprofessoren in ihren Reihen.