Wenn Jack Heuer sich in das Sofa in der Lounge der TAG-Heuer-Zentrale sinken lässt, seine Hände auf seinen Gehstock stützt und eine seiner Geschichten erzählt, funktioniert diese meist so: Ein unwahrscheinlicher Zufall und eine beherzte Aktion kommen zusammen – und am Schluss trägt eine prominente Person eine Uhr seiner Firma. Ein Schauspieler, ein Sportler, ein Präsidentschaftskandidat oder eine nackte Frau. Zuerst die nackte Frau:

"Das war, als wir Verhandlungen mit einer Firma führten, die Segelboote baute", erzählt der 80-Jährige. Der Besitzer interessierte sich dafür, eine Uhr bei Heuer in Auftrag zu geben. Man wurde sich allerdings nicht einig. Als aber der Marketing-Manager ihn zum Flughafen fuhr, erzählte jener, er habe eine schöne Tochter, die beim Film arbeite. Er würde ihr gerne eine Uhr schenken. Heuer versprach ihm ein Modell einer neuen Damen-Taucheruhr, die man entwickelt habe, "weil Frauen doch die Uhr beim Duschen so ungern ablegen". Einige Monate später kam ein Dankesbrief mit drei Fotos. "Sie zeigten Bo Derek splitternackt im Sand an einem Strand – mit meiner Uhr am Handgelenk." Ohne es zu ahnen, hatte er mit dem Vater von Bo Derek gesprochen. Eines der Bilder zeigte Heuer bei der Uhrenmesse an seinem Stand. Es war die Messe-Sensation, sagt er.

Jack Heuer ist heute Ehrenpräsident der Marke TAG Heuer. Der Urenkel des Gründers ist einer der letzten großen Männer der Schweizer Uhrenwelt. Heuer hat etliche revolutionäre Zeitmesser konstruiert – und gewusst, wie man sie in Szene setzt. Heuer war einer der Ersten, die Uhren an die Handgelenke von Schauspielern schnallten, die sie auf Formel-1-Rennstrecken schickten. Er holte den Glamour in eine Welt, die zuvor nur nach Metallspänen und feinmechanischem Öl roch. Plötzlich standen Apparate, die man mit Präzision und Pünktlichkeit verband, für große Gefühle, für Ruhm, Liebe – oder auch für Gefahr und Risiko. Heuer verschaffte Uhren die Aura, deretwegen manche Menschen von ihnen nicht genug bekommen können – und andere sie elitär finden.

Heuer mischt noch heute beim Uhrenhersteller in La Chaux-de-Fonds mit, berät die Entwicklungsabteilung und unterstützt junge Ingenieure. Nur reisen möchte er nicht mehr so viel, schließlich habe er zwei künstliche Kniegelenke, das gebe immer Alarm bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Gerade kommt er aus Bern, wo er mit seiner Frau eine Wohnung hat. Mit seinem BMW X1 ist er angereist. "Früher hatte ich einen Porsche als Firmenwagen." Leider habe er den zu Schrott gefahren. Das waren eben die Zeiten in den sechziger Jahren, als man Porsches zu Schrott fuhr, "die hatten damals eine starre Hinterachse, und wenn der Wagen hinten ausbrach, war es vorbei".

Es war die Zeit, die wir aus Serien wie Mad Men kennen. Jack Heuer war in seinen frühen 30ern, hatte gerade seine Karriere in der Abfahrtsski-Hochschulnationalmannschaft hinter sich. Er sprach drei Sprachen fließend. Und wie viele, die im sich noch vom Schrecken des Krieges erholenden Europa aufwuchsen, dachte er, die Zukunft liege in Amerika. Als einer der Ersten erkannte Heuer, dass Hollywood-Filme perfekte Werbeträger waren. Also überließ er einem Filmausstatter ein paar Uhren. Mit der Auflage, falls er einen Filmstar damit ausstatte, möge er ein Foto davon an ihn schicken. Nach kurzer Zeit hatte er entsprechende Bilder von Jack Lemmon, Charlton Heston und Burt Reynolds. So begann das mit dem Uhren-Glamour.

TAG Heuer hieß damals noch Heuer und war ein Hersteller von Stoppuhren und Borduhren für Autos und Jachten. Gerd-Rüdiger Lang, der Gründer der Manufaktur Chronoswiss, war lange Zeit ein Wegbegleiter von Jack Heuer. Er war Anfang der sechziger Jahre von ihm eingestellt worden. Lang war damals ein junger Uhrmacher. "Jack Heuer war für mich ein Idol, ein Visionär", sagt Lang: "Er hat seine Marke nicht nur vertreten, sondern auch gelebt." Heuer trieb seine Firma in Richtung eines Hightech-Betriebes. "Er fand die damalige Messmethode schlampig." Der Juniorchef ließ elektronische Stoppuhren entwickeln, die eine in Hundertstelsekunden gestoppte Zeit auf einer Papierrolle ausdruckten. So konnte man sofort Zeitprotokolle erstellen. Diese High-End-Stoppuhren ließen sich an Formel-1-Veranstalter verkaufen. Bald arbeitete Lang als "Time-Keeper" an den Rennstrecken.

Jack Heuer war auch der erste Uhrenhersteller, der einen Rennfahrer sponserte. Er setzte auf Joseph Siffert, der als eines der größten Renntalente jener Tage galt und einmal den belgischen Formel-1-Star Jacky Ickx geschlagen hatte. Heuer zahlte in Uhren. Das Sponsoring von Siffert sollte sich auszahlen. Denn bald würde Heuer den Film Le Mans mit Uhren ausstatten. Er wurde mit dem Star Steve McQueen an der Originalrennstrecke gedreht – während der Renntage. McQueen musste sich dafür eine Fahrerkluft ausleihen. Er wählte die von Siffert. Darauf prangte das Heuer-Logo. So fuhr Steve McQueen gratis für die Uhrenmarke. Damals starben die Fahrer reihenweise auf dem Asphalt. "Sie wussten ja, dass sie mit einem Bein im Grab standen, also nutzten sie jeden Tag." Die Fahrer, sagt Heuer, veranstalteten ihre Party nicht nach dem Rennen, sondern davor. "Jedem war klar, dass man den nächsten Tag möglicherweise nicht überleben würde." 1971 kam Le Mans in die Kinos und machte die Marke weltbekannt. Kurz nach der Premiere starb Joseph Siffert bei einem Rennunfall. Es war ein Schock für Jack Heuer – aber kein Grund, sich von der Formel 1 abzuwenden. Noch heute sind Formel-1-Fahrer Testimonials für die Firma. Im Moment ist es Jenson Button.