Eine bessere Reklame hätte die Theaterperformance im Moskauer Sacharow-Zentrum kaum finden können: Ein Trupp Kosaken zog vor dem Gebäude am Jausa-Ufer auf. Zuvor hatten vier Männer in den weinroten Westen der Migrationsbehörde das dreitägige Spektakel unterbrochen, um die Einreisepapiere des Schweizer Regisseurs Milo Rau zu kontrollieren. Der Staat war auf ihn aufmerksam geworden, weil er das sensible Verhältnis von Staat, Religion und Kunst anpackte.

Dabei arbeitet Rau fast unscheinbar und hat immer ein Lächeln parat. Er läuft in Jeans, kariertem Hemd und Lederjacke bei den Proben umher wie ein später Student, der vor dem Master noch schnell sein Lieblingsprojekt umsetzen möchte. "Wir sind ganz ausgewogen zwischen beiden Seiten", verkündete er freudestrahlend vor dem Beginn seiner Performance Moskauer Prozesse. Das klingt überraschend für den Vertreter eines Berufsstands, der oft lieber polarisiert. Aber es passte zu seinem Ziel, einen Dialog unter Gleichrangigen zu schaffen. Das hört sich nach wenig an, ist aber viel in Russland. Seine russischen Mitspieler waren ihm dankbar. "So etwas", sagte einer von ihnen, "bekämen wir nicht hin."

Der 36-jährige Rau hat drei Moskauer Prozesse der vergangenen zehn Jahre in seiner Performance verbunden, die am Sonntag zu Ende ging: Im Januar 2003 verwüsteten sechs orthodoxe Gläubige die umstrittene Kunstausstellung Vorsicht! Religion. Sie blieben straffrei, aber die Organisatoren der Ausstellung wurden wegen Aufwiegelung zu religiösem Hass zu Geldstrafen verurteilt. Unter demselben Tatbestand verloren im Sommer 2010 zwei Kuratoren einen Prozess, die mit ihrer Ausstellung Verbotene Kunst auf die staatliche Zensur in Russland hinweisen wollten. Im August vergangenen Jahres kamen zwei Aktivistinnen der Punkband Pussy Riot ins Straflager. Sie hatten vor dem Altarraum der Christ-Erlöser-Kathedrale zu einem Anti-Putin-Lied getanzt.

Als Ort der Moskauer Prozesse wählte Rau das Sacharow-Zentrum, eine ehemalige Polizeiwache, die Mitte der neunziger Jahre zu einem Gedenkort an den sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow umgebaut worden war. Heute ist das Zentrum Treffpunkt eines kleinen Kreises von Querdenkern, Historikern und Menschenrechtlern. In seinem Ausstellungssaal hatten einst die Bilder gehangen, die zu den zwei Prozessen führten. Hier baute Rau vor der unverputzten Ziegelsteinwand und den oberarmstarken Heizrohren sein Tribunal auf: Richtertisch, Anklage und Verteidigung, Zeugenstand und eine Bank für die sieben Geschworenen.

Mit seinem dokumentarischen Theater trifft Rau in Moskau den Ton der Zeit

Rau ist bekannt als Weltreisender in Sachen politischer Mord und Genozid: Er hat für Film und Bühne die letzten Tage des rumänischen Diktators Ceaușescu und dessen Frau, den Völkermord in Ruanda und die Gerichtsansprache des norwegischen Massenmörders Anders Breivik dokumentiert. Diesmal zog es ihn nach Russland, in eine Art "Sehnsuchtsland", das ihm schon sein Vater nahegebracht hatte. "Er war Trotzkist", sagt Rau. "Ja, so was gab es mal." Rau forschte über den Gulag und merkte bald, dass er für sein Theaterkonzept eher die zeitnahe Geschichte und noch lebende Menschen brauchte. Die Idee zu den Moskauer Prozessen entstand. "Das Sacharow-Zentrum lässt zwei Prozesse nachstellen, die es verloren hat", sagt Rau. "Das wäre ja sogar in Deutschland frech." Der Vorwitz gefällt ihm.

Mit seinem dokumentarischen Theater trifft Rau in Moskau den Ton der Zeit. "Es erfüllt die Funktion, die eigentlich die russischen Medien hätten", erklärt der Leiter des Theaterprogramms des Sacharow-Zentrums, Michail Kaluschskij. "Es erzählt von dem, worüber das Fernsehen schweigt. Die offiziellen Kanäle und Medien leiden gerade in ihrem historischen Gedächtnis an Sklerose. Präsident Putin tut uns zusätzlich einen Gefallen, wenn er ein universales Geschichtsbuch für die Schule vorschlägt. Denn Geschichte kann unterschiedlich erzählt werden. Da setzt das dokumentarische Theater an."

Es hat allerdings mit der Passivität vieler Menschen zu kämpfen. Sie sind noch vom sowjetischen System geprägt, das nur eine allgemein gültige Meinung kannte, und erleben heute ein Regime, in dem die Oberen lieber Dekrete schreiben, als zu diskutieren. "Dieses Theaterprojekt bietet die außergewöhnliche Chance, einmal alle anzuhören und sich selbst eine Meinung zu bilden", sagt der Jurist Maxim Krupskij, der gegen seine persönliche Überzeugung in Raus Prozessen als Ankläger auftrat. "Die heutige Welt lebt doch vom ständigen Zweifel und Überdenken." In Russland aber werden nur wenige die Prozesse sehen. Die einmalige Performance lief fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Rau ließ sie filmen. Wo der Film später gezeigt werden kann, bleibt offen.