"Lohnstückkosten" ist so eingängig wie "Pendelhubsäge" – man kennt die Einzelteile des Wortes, aber nicht unbedingt den Begriff. Doch muss, wer sich für die Euro-Krise interessiert, die Lohnstückkosten ständig im Auge behalten. Sie sind der Urquell der Misere, die jetzt, nach den Italienwahlen, in die zweite Runde geht.

Die Lohnstückkosten – ein anderes Wort für "Wettbewerbsfähigkeit" – sind in allen Krisenländern während des ersten Euro-Jahrzehnts angeschwollen, derweil sie sich in Deutschland kaum vom Fleck gerührt haben. Die Löhne sind also schneller gestiegen als die Produktivität und haben so stetig verteuert, was "Club Med" auf dem Weltmarkt verkaufen muss. Die Folge: Arbeitslosigkeit, Defizite, Schulden – das hässliche Trio, das die Mittelmeerländer plus Irland mit der Pleite bedroht.

Die guten Nachrichten: In Irland, Griechenland und Spanien fallen die Lohnstückkosten; diese Länder – Austerity hin oder her – befinden sich auf dem Weg der Besserung. Die schlechten Nachrichten: In Italien und Frankreich steigen die Kosten weiter an. Die noch schlechteren: In beiden hat das Wahlvolk gegen Arbeitsmarktreformen votiert und gegen Sparen sowieso. In Frankreich hat es den Sozialisten Hollande gekürt; in Italien haben Berlusconi und Grillo 55 Prozent der Stimmen kassiert. Monti, der Halbherzige, wurde fürchterlich abgestraft. Gerhard Schröder, der Mann, der dem deutschen Patienten die Hartz-IV-Medizin verschrieben hatte, von der Merkel jetzt profitiert, ist kein Vorbild.

Das Menetekel Frankreichs ist sein Durchschnitts-Industrielohn: 46 Dollar vs. etwas über 30 in den USA. Die Italiener wollen offensichtlich nicht an einem Arbeitsmarkt rütteln, auf dem die Jugendarbeitslosigkeit doppelt so hoch ist wie die allgemeine – ein untrügliches Zeichen für ein System, das die Insider schützt, die Outsider ausschließt. Das Wachstum in beiden Ländern bleibt negativ; die Zinsen für italienische Anleihen steigen wieder – die Märkte werden abermals nervös. Gespart haben die Italiener nicht etwa am aufgeblähten öffentlichen Dienst, sondern an Bildung und Forschung – den Quellen künftiger Wettbewerbsfähigkeit. Die nächste Regierung wird noch schwächer sein als Montis.

Selbstverständlich sind Berlusconi und Grillo keine "Clowns", sondern zynische Stimmenfänger, die bella Italia alles versprochen haben, nur nicht den schmerzhaften Wandel, der das immer noch reiche Land wieder aufrichten könnte. Am meisten dürfen sich die Anleger freuen, weil sie wissen, dass die EZB Italien nicht fallen lassen wird. Doch Pflaster kurieren nichts; allenfalls können sie kleinere Blutungen stoppen.

Grundsätzlich: Deutschland und "Club Nord" können den Kleinen Strukturreformen aufzwingen, aber nicht Giganten wie Frankreich und Italien. Die müssen sich selber retten, oder der Euro platzt tatsächlich. Eine gute Nachricht soll trotzdem betont werden. Angesichts der deutschen Erfahrung nach dem Crash von 1929 sind wir geradezu darauf programmiert, die Krise mit Führer, Franco und Duce gleichzusetzen. Bloß ist Grillo kein Mussolini; nirgendwo im Krisenbogen scheitert die Demokratie. Mussolini war allenfalls unfreiwillig komisch. Grillos Humor ist echt; er kann sich aber den Komiker nicht mehr leisten. Wer Verantwortung trägt, kann sich nicht hinter Witzen verstecken.