Peter Stein: Fangen wir also an. Ich mache grundsätzlich nicht gerne Interviews – weil es ja nie zu irgendwas geführt hat. Ich bin froh, dass heute Klaus Maria dabei ist, der wird mich abblocken, wenn ich dazu ansetze, die Sachen zu sagen, die ich normalerweise immer sage.

Klaus Maria Brandauer: Das sind aber die Sachen, auf die es ankommt.

DIE ZEIT: Sie meinen die kernige Art, mit der Sie, Herr Stein, über das Ihnen verhasste gegenwärtige Theater sprechen? Ich habe beim Lesen älterer Interviews gemerkt, dass Sie gern den jungen Regisseuren vorwerfen, die ließen sich beim Inszenieren vom Jucken unter ihrer "Vorhaut" inspirieren.

Brandauer: Darüber sprechen wir heute nicht.

ZEIT: Aber Sie benutzen dieses Wort gern, Herr Stein.

Stein: Ich habe das oft im Munde geführt, obwohl das rein physiologisch eigentlich gar nicht möglich ist. Aber das sind Tempi passati. Heute rede ich nur von dem Guten und Schönen – das ist ja gerade das Reaktionäre an mir!

ZEIT: Herr Stein, Sie inszenieren Das letzte Band von Samuel Beckett mit Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Krapp. Das Stück handelt von einem Mann am Ende seines Lebens. Krapp, 69 Jahre alt, hat sein Leben lang Tonbänder besprochen, auf denen er sich Rechenschaft über sein Leben ablegt, und er hört diese Bänder zu gewissen Anlässen wieder ab. Er reist lauschend immer wieder zurück in die eigene Vergangenheit. In Krapp’s Last Tape unternimmt er diese Reise zum letzten Mal: Er hört sich ein Band an, das er als 39-Jähriger besprochen hat. Er verflucht den jungen Mann, der er war – und wirkt am Ende so, als bleibe ihm, dem Verstummten, nun nur noch der Tod. Viele Inszenierungen dieses Stücks zeigen vor allem das Grauen des Erinnerns: Ein Mann schaut in den Abgrund seiner Lebenszeit hinab, und es schwindelt ihn, es stehen ihm die Haare zu Berge.

Stein: Dieses Stück ist weder ein Horrorstück noch eine Komödie, sondern alles Mögliche. Es liegt Eiseskälte, aber auch Clownskomik darin. Beckett lag dieses kleine Stück sehr am Herzen, es war einiges von seinem eigenen Blut darin. Er nennt es sein Artischockenherz, das er dem Publikum vor den grauenhaften Innereien seines Endspiels serviert. Das Stück ist aus so vielen Dingen zusammengesetzt – wir haben anderthalb Monate geprobt, und es kamen ununterbrochen neue Dinge zum Vorschein. Das ist das Zeichen, dass es sich um ein absolutes Meisterwerk handelt.

ZEIT: Zwischen dem alten Krapp, der das Band abhört, und dem jungen Krapp, der es vor 30 Jahren besprochen hat, klafft ein ungeheurer Spalt.

Brandauer: Der junge Krapp erzählt von einem verpassten, einem nicht gelebten Liebesmoment mit einer Frau, den er sich bewusst versagt hat, um allein der "Erleuchtung" entgegenzugehen. Und der alte Krapp sagt: Was für ein Narr und Idiot war der junge Krapp, dass er sich diesem Liebesmoment nicht hingegeben hat! Der Alte denkt: Warum hab ich mir das entgehen lassen, um Gottes willen?

ZEIT: Der junge Krapp sagt, er habe ein "Feuer" in sich, das größer sei als alles Glück, das ihm die Liebe schenken könnte. Was ist dieses Feuer?

Stein: Gemeint ist das Feuer der Erkenntnis. Der junge Krapp glaubt: Ich habe etwas begriffen. Ich habe begriffen, dass alles, was ich bisher getan habe, falsch ist. Dagegen wehrt sich der alte Krapp. Er glaubt nicht an die Erleuchtung des jungen Krapp. Er sagt zum Jungen: Nein, du hast überhaupt nichts begriffen vor 30 Jahren – und bricht alle Brücken zu ihm ab. Er lässt von seinem Leben nichts bestehen. Dennoch: Am Ende bleibt nicht nichts!

ZEIT: Nicht nichts? Was bleibt ihm?

Stein: Zuletzt lauscht er noch einmal dem Tonband, das er als 39-Jähriger besprochen hatte. Er erfährt die dort geronnene Erinnerung an den Gipfelmoment einer Liebesbeziehung, die aber im Augenblick, wo der Gipfel erreicht ist, bereits gescheitert ist. Er erlebt erinnernd noch einmal, was er danach wohl nie mehr erlebt hat. Das ist auf der einen Seite furchtbar traurig und pessimistisch, dass er nur im Scheitern dieses Gefühl erfährt, aber: Er erfährt es noch einmal.

ZEIT: Der alte Krapp hat ein Tonband, das ihm bei der Erinnerung an diesen großen Liebesmoment hilft. Ist die Aufzeichnung sein Glück oder sein Fluch?

Brandauer: Ohne das Band wäre seine Erinnerung auf jeden Fall eine andere – wenn er sich überhaupt erinnern könnte. Sein Bewusstsein befindet sich ja schon in einem Stadium des Verfalls, und er ist ein starker Trinker. Glück oder Fluch der Aufzeichnung – das ist auch für uns heute die Frage: Sind wir zu Erinnerung überhaupt noch in der Lage? Es wird uns ja alles abgenommen. Wir können alles abrufen, wir brauchen gar kein Erinnerungsvermögen.