Schwer zu sagen, ob das ein Zeichen von Verklärung oder von Verachtung ist: Italiener werden in Deutschland gerne folklorisiert. Solange es um lieb gewonnene Karikaturen wie die vom wildromantischen, singenden Liebhaber oder dem ewig foulenden, zu Schwalben neigenden Fußballer geht, ist das noch putzig. Wenn der kriminelle Feigling Francesco Schettino, der Kapitän der havarierten Costa Concordia, als Ausprägung des italienischen Nationalcharakters dargestellt wird, ist das schon kränkend. Wenn aber nach den desaströsen Parlamentswahlen vor knapp drei Wochen Gestalten wie Silvio Berlusconi oder Beppe Grillo als Clowns abgetan werden, ist das gefährlich. Das entpolitisiert die Politik und verharmlost eine Realität, auf die Europa jetzt besonders sorgfältig schauen müsste.

Silvio Berlusconi ist vieles, aber gewiss kein Narr. Er ist ein berechnender Egomane, der zu fast jedem Mittel greift, um seine Interessen durchzusetzen. Er ist ein Vernichter demokratischer Kultur. Beppe Grillo mag von Berufs wegen ein Komiker sein, der sein Talent zum Spott und zur Burleske auch vorführt. Ausgelöst aber hat er ein politisches Beben, das, wie er selbst bekundet, das parlamentarische System Italiens zum Einsturz bringen soll und das er, so hat es Grillo gerade dem Time-Magazin verraten, auch als Signal an andere Demokratien verstanden wissen will.

Die Hauptprotagonisten auf der italienischen Bühne werden verkannt. Was die Italiener dazu bewegt hat, die beiden in Massen zu wählen, ist kaum zu verstehen; und wie es nun weitergehen soll, ist selbst kundigen Beobachtern ein Rätsel.

Berlusconi bleibt in der Politik, um nicht ins Gefängnis gehen zu müssen

Dabei waren die Wochen seit der Wahl aufschlussreich, eine Anamnese der italienischen Krankheit im Zeitraffer. Sie begann noch mal mit Berlusconi, der zwar ein erschreckend gutes Wahlergebnis erzielt hatte, vielen aber als Mann von gestern erschien, der alsbald weniger belasteten Parteifreunden Platz machen würde, mit denen vielleicht sogar eine Große Koalition mit der Linken machbar wäre. Drei Tage nach der Wahl platzte dann diese Nachricht herein: Sergio De Gregorio, ein früherer Senator ausgerechnet der Antikorruptionspartei Italia dei valori, hatte der Staatsanwaltschaft gestanden, von Berlusconi mit drei Millionen Euro bestochen worden zu sein; dafür ist er 2006 von Romano Prodis Regierungsbündnis zur Opposition gewechselt. De Gregorio war für den Sturz der Mitte-links-Koalition Prodis mitverantwortlich.

Dieses mutmaßliche Verbrechen scheint Berlusconis Tatendrang jedoch keineswegs zu dämpfen, im Gegenteil: Vergangenen Montag stürmte ein Mob von Parlamentariern und Funktionären seiner Partei den Justizpalast in Mailand, in dem gerade der Prozess gegen Berlusconi wegen Amtsmissbrauchs und Sex mit einer minderjährigen Prostituierten verhandelt wird, er schüchterte Angestellte und Richter ein. Falls es dazu noch eines Beweises bedurft hätte: Berlusconi bleibt vor allem deshalb in der Politik, weil er vermeiden will, sein Leben im Gefängnis oder im Exil zu beenden. Für die Linke wäre ein Bündnis mit seiner Partei vorerst politischer Selbstmord.

Man kann verstehen, wenn angesichts solcher Machenschaften selbst bei friedfertigen Italienern revolutionärer Furor aufkommt. Diese Wut greift Grillos Fünf-Sterne-Bewegung auf, aber sie trifft nicht Berlusconi und seine Verbündeten allein, sondern jeden, der das politische System Italiens verkörpert. Seit Jahren gibt es ein klar umrissenes Feindbild, ein Wort wie eine Höchststrafe: la casta. Italiens Parlamentarier sind wohl die bestbezahlten und bestversorgten Volksvertreter Europas. Allein der Personenschutz von Politikern, die niemand bedroht, kostet Hunderte Millionen Euro im Jahr; die Polizisten sind als Statussymbol auch mal fürs Tragen der Einkaufstüten ihrer Schützlinge im Einsatz. Die casta beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst, nimmt den Bürgern viel, gibt ihnen aber wenig zurück; die Jugendarbeitslosigkeit erreichte unter Monti rekordverdächtige 36 Prozent.

Viele Wähler glauben heute: Alle Politiker, alle Parteien sind gleich – gleich schlecht. Die Wut ist maßlos überzogen, aber sie macht die Grillini stark und verbaut ihnen zugleich die historische Chance, in kurzer Zeit zusammen mit den Sozialdemokraten das zu verabschieden, was der Linken in zwanzig Jahren nicht gelang: ein Gesetz gegen die ausufernde Korruption, eines gegen die Verquickung persönlicher und politischer Interessen, möglicherweise auch ein neues Wahlgesetz. Der unglückliche Wahlsieger Bersani wäre zu fast jeder Konzession bereit, notfalls auch zum Verzicht auf das Amt des Ministerpräsidenten – zugunsten einer überparteilichen Integrationsfigur. Aber Grillo will diese möglichen Erfolge nicht mit den Linken teilen, jedenfalls nicht jetzt. Er weiß: In den nächsten Monaten könnte seine Bewegung noch größer werden; das gilt allerdings auch für den diabolisch agierenden Berlusconi.