DIE ZEIT: Demnächst wird die Albertina in einer großen Ausstellung in Washington ihre Dürer-Schätze präsentieren. Ist auch das berühmteste Blatt, der Feldhase, mit auf die Reise nach Übersee gegangen?

Klaus Albrecht Schröder: Nein. Das ist aber das einzige bedeutende Dürer-Werk, das nicht dabei ist. Sonst ist alles dort: das Große Rasenstück, der Blaurackenflügel, die Betenden Hände. Der Feldhase ist als unser Wappentier in Wien geblieben.

ZEIT: Dann ist die Albertina vermutlich das einzige Haus, das einen Hasen im Wappen führt.

Schröder: Schröder: Wahrscheinlich. Alle anderen haben Drachen, Löwen, Adler. Da sagt man, ich sei mächtig. Dabei bin ich ein Hasenhüter.

ZEIT: In den zehn Jahren seit der Wiedereröffnung der Albertina war immer wieder von einer Neuordnung der Museumslandschaft die Rede. Heute ist das Thema vom Tisch. Warum?

Schröder: Diese Frage tauchte eigentlich bereits mit der Vollrechtsfähigkeit der Museen 1999/2000 auf. Damals gab es die Idee, die Albertina mangels Erfolges zu schließen und die Sammlung, die ja schon evakuiert war, dem Kunsthistorischen Museum einzugliedern. Das wurde abgewehrt. Stattdessen wurde beschlossen, die Albertina neu zu positionieren, das Vertrauen der Besucher zurückzugewinnen und statt zu reduzieren, zu erweitern.

ZEIT: Was ja vor allem eine bauliche Gewaltaufgabe war.

Schröder: Treibriemen der Erneuerung war die Architektur. Ebenso wichtig war aber die inhaltliche Neupositionierung. Wir wollten die Zeichnung nicht mehr isolieren, sondern als eine Kunstform unter anderen gleichberechtigt behandeln. Das führte dann auch zur Gründung unserer Foto- und Gemäldesammlung.

ZEIT: Dadurch bekam die Albertina, die ja ein altehrwürdiges Haus war, eine vollkommen neue Identität.

Schröder: Man kann das auch Marke nennen. Die besteht aus viel mehr als nur einer Sammlung. Sie besteht aus der baulichen Hülle, aus dem Programm, aus dem Personal, aus der Art, wie wir Kunst interpretieren.

ZEIT: Geraten durch eine eigenständige Markenpolitik nicht die wenigen großen Museumstanker in Österreich in wenig hilfreiche Konkurrenz zueinander?

Schröder: Das Gegenteil ist der Fall. Da 65 Prozent unserer Besucher Touristen sind, brauchen wir einander, um gemeinsam den Kulturstandort Wien zu behaupten.

ZEIT: Touristen haben ein begrenztes Zeitbudget.

Schröder: Scheinbar. Keine Stadt der Welt schafft es, mit ein oder zwei Attraktionen Besucher anzulocken. Sie kommen nicht, weil sie glauben, in ihren 2,8 Tagen durchschnittlicher Aufenthaltsdauer könnten sie alles sehen. Sie kommen, weil sie wissen, dass ihre Zeit komplett kulturell gefüllt sein wird. Sollte der Magnetismus von Wien nachlassen, würden wir sofort merken, dass der Tourismus rückläufig ist. Wir stehen nicht in Konkurrenz zu anderen Kunstmuseen, sondern wir stehen in Konkurrenz zu Städten, die man direkt anfliegen kann. Weltweit sind für einen Besucher die Bequemlichkeit der Verbindung und – auf eine sehr diffuse Weise – die Attraktivität einer Stadt entscheidend. Kulturtouristen, von denen wir leben, werden vom Überfluss des Angebotes angezogen.