Eigentlich ist es verwunderlich, dass jemand wie Bernd Lucke erst jetzt sein Publikum findet. Lucke ist im Hauptberuf Wirtschaftsprofessor in Hamburg, außerdem aber Kopf der "Wahlalternative für Deutschland" – einer neuen Partei, die sich die "Auflösung des Euro" zum Ziel gesetzt hat.

Am Montagabend dieser Woche steht Lucke am Rednerpult der Stadthalle von Oberursel im Taunus, um zu erklären, warum die Politik der Bundesregierung gescheitert sei. Trotz Schneechaos drängen sich etwa 1.300 Leute in den überfüllten Saal. Ein paar Exzentriker, vor allem aber Männer um die 60 mit ergrautem Haar und Jackett. Bürgertum.

Ökonomisch betrachtet könnte man sagen, dass Lucke und seine Leute – konservative Wirtschaftsprofessoren, Unternehmer und Publizisten – eine Marktlücke entdeckt haben. Das Unbehagen der Wähler angesichts immer neuer Milliardenhilfen für den Süden ist groß, trotzdem winkt der Bundestag sie regelmäßig mit großer Mehrheit durch.

Dieses Missverhältnis hat eine Reihe zumeist etwas skurriler Protestbewegungen hervorgebracht, die politisch keine Rolle spielen. Weil sie zerstritten sind, weil ihnen ein charismatischer Anführer fehlt, weil sie von Rechtsextremen gekapert wurden oder weil die Wähler dann doch einsahen, dass das mit dem Ausstieg aus dem Euro ziemlich teuer werden könnte und es im Moment wirtschaftlich in Deutschland eigentlich ganz gut läuft.

Lucke ist entschlossen, seiner Partei ein solches Schicksal zu ersparen. Der schmale und stets ein wenig zu korrekt gekleidete Hochschullehrer ist eine Idealbesetzung für die Rolle des konservativen Währungsrebellen. Er strahlt Seriosität aus, versteht es aber, prägnant zu formulieren und Menschen für sich zu gewinnen. Und er ist von seiner Sache überzeugt. Eine Kooperation mit den Freien Wählern kündigte er auf, weil sie beim Euro Kompromisse machen wollten. Als seine Zuhörer in Oberursel am Ende der Veranstaltung applaudieren, reckt er die Arme in Siegerpose nach oben, als hätte er in seinem Leben nichts anderes gemacht.

Es ist Lucke – und auch das ist neu für eine Euro-kritische Gruppierung – gelungen, das Interesse der Medien zu wecken. FAZ und Welt haben ausführlich und wohlwollend berichtet. Er trat bei Maybrit Illner gegen Rainer Brüderle an, und Brüderle sah dabei nicht gut aus.

Das mag auch damit zu tun haben, dass Lucke es bislang geschafft hat, rechtsradikale Kräfte auf Distanz zu halten. Mehrmals betont er seine Solidarität mit den Italienern und den Griechen, die ebenfalls unter dem Euro litten. Und den Euro-Austritt will er im Rahmen einer einvernehmlichen Vertragsänderung regeln. Man müsse den "Stammtischzorn kanalisieren", hat die neue Gruppierung sich vorgenommen.