Am Tag, als die Not Hartmut Mehdorn erschafft, sitzt Matthias Platzeck in einem Stuhlkreis des Paul-Fahlisch-Gymnasiums in Lübbenau im Spreewald und ermuntert die Schüler der Klassenstufen zehn bis zwölf: "Ihr dürft Fragen aller Art stellen, politische oder private." Kurze Pause. "Es kann auch um den Flughafen gehen." Großes Gelächter – und dann schießen sofort Finger in die Höhe. Der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) mag als Flughafen immer noch nicht viel taugen. Aber als Eisbrecher funktioniert er prima.

Platzeck besucht am Donnerstag vergangener Woche den Landkreis Oberspreewald-Lausitz im Süden Brandenburgs. Er ist als Ministerpräsident gekommen, hat aber sein zweites Ich, den BER-Aufsichtsratsvorsitzenden, mitgebracht. Immer wieder greift Platzeck zum Telefon, um abzusprechen, was nach vielen Irrungen am nächsten Vormittag in Berlin verkündet werden soll: Hartmut Mehdorn, der Lieblingsfeind passionierter Bahnfahrer, wird neuer Chef des Chaos-Flughafens am Stadtrand von Berlin. Ein Coup – denken da viele.

Der 70-jährige Mehdorn war vieles in seinem Leben, wovon andere nur träumen: Flugzeugbauer, Bahn-Chef, Air-Berlin-Chef, Rentner. Nun steht er vor seiner größten Herausforderung. Erst soll er den BER in Berlin-Schönefeld, die Lachnummer der Republik, in eine ganz normale Baustelle verwandeln – und danach in einen funktionierenden Flughafen. Die schwierigsten Hindernisse auf Mehdorns Weg von der Bahn-Reizfigur zum Flughafen-Heiland dürften dabei nicht etwa fehlende Pläne, falsche Leitungen oder mangelhafte Entrauchungsanlagen sein – eher schon sind es er selbst und sein Führungsstil. Gleich am ersten Arbeitstag überraschte der neue Chef mit dem Vorschlag, man könne den Flughafen Tegel doch nach der Eröffnung des BER einfach weiterbetreiben – und stellte damit gleich alles infrage, was bis dato als unumstößlich galt: die Pläne der Gesellschafter wie die gültige Rechtslage. Mehdorn, das erfährt Platzeck da, tickt ganz anders als er selbst.

Die Flughafen-Aufseher – Matthias Platzeck, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer – haben in ihrer Not, schnell einen neuen BER-Chef zu finden, einen Mann berufen, der als ebenso entscheidungsstark wie unberechenbar gilt. Mehdorn ist zugleich Chance wie Bedrohung. Eine Chance, das Chaos am Hauptstadtrand endlich zu beenden. Und eine Bedrohung für diejenigen, die ihn berufen haben.

Offiziell ziehen die Vertreter der drei Gesellschafter der Flughafen GmbH – Berlin, Brandenburg und Bund – an einem Strang. Blinkt irgendwo ein Kameralicht, wünschen sich der Bürgermeister, der Ministerpräsident und der Verkehrsminister unisono nichts sehnlicher als ein baldiges Ende des Schlamassels, der Häme und der negativen Schlagzeilen. Schließlich gefährdet das Großprojekt, das nicht fertig werden will, nicht nur die Reputation Deutschlands, sondern auch ihre Karrieren. Wowereit hat zu Jahresbeginn, als die Eröffnung zum vierten Mal verschoben worden war, den Posten als Chef des Aufsichtsrats an Platzeck abgegeben. Seither will Wowereit mit Macht beweisen, dass nicht er das Problem war. Platzeck hat sein politisches Schicksal an den Erfolg des Flughafens geknüpft. Scheitert sein Krisenmanagement, wird er zur Landtagswahl 2014 nicht mehr antreten. Und Ramsauer muss fürchten, nach der Bundestagswahl im Herbst seinen Posten als Verkehrsminister zu verlieren, sollte das BER-Desaster den Ruf der CSU als kompetente Wirtschaftspartei ramponieren. Hinter der Fassade der Freundlichkeit und des Miteinanders kämpft daher jeder der drei zuallererst für sich – und jeder gegen jeden. Einer für alle, alle für einen? Von wegen. Das Motto der drei Alphatiere lautet jetzt: Rette sich, wer kann!

Besonders spannungsgeladen ist das Verhältnis zwischen den beiden SPD-Regenten Platzeck und Wowereit. In Berlin hält man den Ministerpräsidenten aus der Nachbarschaft für ein politisches Weichei. Platzecks erste Amtshandlung als neuer Aufsichtsratschef bestand darin, umzufallen – so sehen das die Berliner. Platzeck machte das Volksbegehren für ein umfassendes Nachtflugverbot zu Brandenburgs Sache und Wowereit fassungslos. Wie soll der Großflughafen zu einem internationalen Drehkreuz anwachsen, wenn die Randzeiten zwischen 22 Uhr und Mitternacht sowie zwischen 5 und 6 Uhr morgens wegfallen und wichtige Routen nach Übersee und Asien nicht bedient werden könnten?

Da darf man nicht nachgeben, da muss man stehen bleiben, denken sie in Berlin. Hat Wowereit, so heißt es in seinem Umfeld, nicht vorgemacht, wie so etwas geht? Er hat dem Volksbegehren gegen die Schließung des Flughafens Tempelhof getrotzt, er hat die jahrelange Kampagne der Springer-Blätter für Tempelhof ausgehalten. Und Platzeck? "Der ist beim ersten Gegenwind umgefallen", heißt es im Wowereit-Lager.