Krise? Welche Krise? Während halb Europa in der Rezession steckt, geht es an den Aktienmärkten rasant nach oben. Der Dax hat zeitweise bereits die Marke von 8000 Punkten übersprungen, der höchste Stand seit 2008, jetzt nimmt er Kurs auf sein Allzeithoch.

Ist das die nächste große Blase?

Nicht unbedingt. Das jetzige Kursniveau lässt sich durchaus mit den tatsächlichen Gegebenheiten in der realen Wirtschaft begründen. Die deutsche Wirtschaft ist nach dem Einbruch Ende vergangenen Jahres wieder auf Wachstumskurs. Der Export läuft, der Konsum zieht an. Zwar müssen die hiesigen Firmen Einbußen in den Krisenstaaten Europas verkraften. Dafür nimmt aber die Nachfrage in den USA und China zu, wo der Staat die Wirtschaft mit viel billigem Geld ankurbelt: Die Zinsen werden niedrig gehalten, die Notenbankpressen laufen auf Hochtouren. Selbst in Japan besteht Aussicht auf Besserung, weil die neue Regierung den Kampf gegen die Deflation aufgenommen hat: Der Kauf langfristiger Staatsanleihen soll helfen, das mittelfristige Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen.

All das ist gut für die Gewinne der Unternehmen und damit für Aktien, die ja nichts anderes sind als eine Art Anspruch auf künftige Unternehmensgewinne.

Hinzu kommt: Weil die Leitzinsen niedrig sind und viel Fluchtkapital in die deutschen Anleihemärkte geströmt ist, lässt sich mit Staatsanleihen nach Abzug der Inflationsrate praktisch kein Geld mehr verdienen. Und weil sich die Gefahr eines Megacrashs verringert hat, gehen die Investoren wieder Risiken ein. Im vergangenen Jahr hielten sich viele Profianleger zurück, weil sie etwa mit einem Auseinanderbrechen der Währungsunion oder mit einer Staatspleite in den USA rechnen mussten. Durch das entschlossene Eingreifen der Europäischen Zentralbank und den Haushaltskompromiss im amerikanischen Kongress ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Extremszenarios gesunken. Deshalb schichten Anleger ihr Vermögen um und setzen auf Aktien.

Wer vor einem Jahr eingestiegen ist, der kann sich beim Dax über Kursgewinne von rund dreißig Prozent freuen.

Nichts ist allerdings an den Börsen gefährlicher, als von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen, und deshalb ist die entscheidende Frage, wie es jetzt weitergeht.

Gemessen an den zu erwartenden Unternehmensgewinnen, sind die meisten deutschen Aktien nicht mehr günstig. Wenn die Kurse weiter so rasant steigen, geht das nicht mehr gut: Dann dürfte bald ein Niveau erreicht sein, dass sich ökonomisch nicht mehr rechtfertigen lässt. Solange frisches Geld in den Markt fließt, werden die Kurse zwar weiter steigen. Wenn aber der Boom sich irgendwann nur noch selbst nährt, wird es Zeit auszusteigen.

Das gilt umso mehr, als das Rückschlagpotenzial hoch ist. Der Europäischen Zentralbank ist es zwar gelungen, die Finanzmärkte zu beruhigen. Auch machen viele der Krisenländer Fortschritte beim Abbau ihrer wirtschaftlichen Ungleichgewichte. Doch die hohe Arbeitslosigkeit und der dramatische Einbruch des Wirtschaftswachstums gefährden zunehmend die soziale und politische Stabilität.

Die Wahl in Italien hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Krise in Europa keineswegs vorbei ist. Wenn die Angst vor einem Zerfall der Währungsunion zurückkehrt, werden die Investoren ihre Aktien wieder verkaufen. Dann sinken die Kurse.

Fazit: Nein, der Aufschwung an den Börsen ist nicht nur eine Folge des billigen Geldes der Notenbanken, nicht nur eine Blase. Er signalisiert, dass die Weltwirtschaft auf Erholungskurs ist. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Anleger sich blindlings auf weitere Profite verlassen können.