Der Ballettdirektor Sergej Filin kurz nach dem Attentat Anfang März

Man möchte Sergej Filin in die Augen schauen. Einschätzen, wie viel er erkennt von dem, was um ihn herum geschieht. Wie sehr er selbst glaubt an das, was er sagt.

Aber Sergej Filin trägt eine Sonnenbrille, die seine von der Schwefelsäure verätzten Augen verdeckt. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, während er vom Ballett redet, das sein Leben sei und immer bleiben werde. "Es ist eine einzigartige Welt der Märchen, in der alle Menschen der Kunst dienen."

Sergej Filin, 42 Jahre alt, ist künstlerischer Leiter der Ballett-Truppe des Bolschoitheaters in Moskau, des größten Balletts der Welt. Filin bestimmt, was getanzt wird und wie, vor allem aber: Er entscheidet, wer welche Rolle bekommt. Diese Macht, so scheint es, ist ihm zum Verhängnis geworden.

Vor zwei Monaten, in der Dunkelheit des 17. Januar, schüttete ein vermummter Mann ein Glas Schwefelsäure in Filins Gesicht. Vergangene Woche fand die Polizei heraus, dass es sich bei dem Täter um einen vorbestraften Verbrecher handelte, der mit Filin und dem Bolschoi nichts zu tun hatte. Den Auftrag für den Anschlag aber soll Pawel Dmitritschenko gegeben haben, ein berühmter Solist des Bolschoi.

Seitdem debattiert ganz Russland darüber, wie so viel menschliche Hässlichkeit an diesen Ort der Schönheit kam.

Bis vor fünf Jahren hat Sergej Filin selbst noch am Bolschoi getanzt. Die Zuschauer kennen ihn als Prinz Siegfried in Schwanensee, als Albert in Giselle, leichtfüßig, jungenhaft strahlend, der Pony fällt über die Augen. Ein Peter Pan, der für immer ein Knabe bleiben will. Jetzt ist sein Gesicht aufgedunsen und fleckig wie nach einem Sonnenbrand. Das Haar ist kurz geschoren. Filin kann keine Pirouetten mehr drehen.

In der Cafeteria des Aachener Universitätsklinikums, wo er zurzeit behandelt wird, tastet er sich am Arm seiner Ehefrau voran. Wenn er zur Teetasse greift, findet er sie nicht gleich. Ein lebendes Mahnmal, das an die Zerstörung des Mythos Bolschoi erinnert.

Filin, das Opfer – damit fängt die Geschichte an. Aber wo endet sie? Wer ist der Gute und wer der Böse? In der Wirklichkeit des Bolschoi sind die Rollen nicht so klar verteilt wie auf der Bühne.

Bolschoitheater – das heißt übersetzt schlicht: "Großes Theater". Und groß ist es, in jeglicher Hinsicht. Stolz weist man in Russland darauf hin, dass das Bolschoi ein paar Monate älter ist als die USA. Zweimal ist das Haus abgebrannt, zweimal wurde es wiederaufgebaut. Zuletzt 1856. Damals verhungerten im Krimkrieg russische Soldaten, in die Reparatur des Bolschoitheaters aber flossen Millionen Rubel. Als sowjetische Funktionäre im August 1991 gegen Michail Gorbatschow putschten, lief im Fernsehen zur Besänftigung der Massen eine Aufzeichnung von Schwanensee im Bolschoi – auf allen Sendern.

Die Attacke auf Sergej Filin, sagte Russlands stellvertretender Kulturminister Andrej Busikin, sei nicht nur gegen einen Menschen gerichtet gewesen: "Es war ein Anschlag auf die russische Kultur."