Die Buchmesse beginnt. Und in Leipzig sind wieder nahezu alle Betten ausgebucht – weshalb Christa Wittig (61), Sieglinde Schneider (76) und Gertraude Gruhle (75) ihre Gästezimmer vermieten. Etwa an Star-Autoren? Anruf eins, Frau Wittig.

DIE ZEIT: Frau Wittig, haben Sie zur Buchmesse wieder jemanden zu Gast?

Christa Wittig: Ja, natürlich, ich habe inzwischen einen Stammgast, eine Autorin. Früher war auch mal ein Schweizer Schriftsteller da.

ZEIT: Warum schlafen die Leute bei Ihnen und nicht im Hotel?

Wittig: Weil sie einsam sind und Gesellschaft suchen. Anstatt abends allein im Zimmer zu sitzen und mit niemandem über den Tag sprechen zu können, kommen sie lieber hierher. Außerdem ist es günstig bei mir.

ZEIT: Müssen die Schriftsteller denn sparen?

Wittig: Einige schon. Viele haben ja keinen Verlag. Die Autorin, von der ich gerade erzählte, konnte ihren Roman noch nicht veröffentlichen. Dabei fährt sie jedes Jahr zur Messe, um ihre Texte anzupreisen.

ZEIT: Vielleicht schreibt sie nicht so gut?

Wittig: Das kann sein. Obwohl die Themen manchmal wirklich interessant sind! Eine Frau, die mich einmal besuchte, erzählte, sie sei mit dem Containerschiff um die Welt gereist. Ich hätte ihr Buch gerne gelesen. aber es ist mir nie untergekommen. Es hat wohl keiner gedruckt.

ZEIT: Warum, glauben Sie, ist es so schwierig, ein Buch zu veröffentlichen?

Wittig: Ganz einfach: Es gibt zu viele Menschen, die ihre Texte unter die Leute bringen wollen.

ZEIT: Erzählen Ihnen denn die Autoren immer, woran sie gerade schreiben?

Wittig: Meistens schon, Schriftsteller sind offene Leute. Die halten auch mit ihrer politischen Meinung nicht hinterm Berg. Ein Schweizer erklärte mir mal, dass wir uns hier im Osten nicht alles hätten vom Westen überstülpen lassen sollen. Für die neuen Länder wäre ein politisches Modell wie das der Schweiz sinnvoller gewesen, sagte er.

ZEIT: Fanden Sie das überzeugend?

Wittig: Es kann schon sein, dass er recht hat. Aber ich kann die Theorien nicht alle so nah an mich heranlassen. Die Geschichten der Autoren sind so extrem. Da wird man verrückt, wenn man alles glaubt und immer mitfühlt.