Dido Florian Cloud de Bounevialle O’Malley Armstrong hat nach fünf Jahren ein neues Album aufgenommen, und Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno hat ihr dabei geholfen. Man könnte auch einfach sagen, Dido habe eine neue Platte aufgenommen und sich dabei von Eno helfen lassen. Aber das klänge nicht halb so üppig und aufgeblasen wie Girl Who Got Away, das vierte Album von Englands einträglichster Songwriterin der vergangenen zehn Jahre.

Thronräuberinnen wie Taylor Swift oder Adele können die aufreizend allürenfreie Dido wohl nicht mehr aus der Ruhe bringen. Warum auch und wie auch? Der stille Zauber ihrer 30 Millionen verkauften Platten hat nichts mit mädchenhafter Erotik oder divenhaftem Soul zu tun. Ihr Metier sind molltrunkene und mondsüchtige Popminiaturen wie Life For Rent oder White Flag. Eines ihrer Lieder hieß See You When You’re 40, und nun ist sie selbst schon 41, glücklich verheiratet und Mutter eines Sohnes namens Stan. "Stan", wie der Welthit des US-Rappers Eminem, der auf einem Sample aus ihrem Song Thank You beruht und ihr vor 13 Jahren überraschend den US-Markt öffnete. Heute ist sie es, die angesagte Rapper wie Kendrick Lamar zu Gastbeiträgen einlädt (Let Us Move On).

Girl Who Got Away ist ein Album, auf dem sich alle Kreise schließen – und dem die Zufriedenheit mit dem Erreichten deutlich anzuhören ist. Der mit akustischen Heimeligkeiten durchsetzte Elektropop ist abgedämpft und pastellfarben wie immer, als wären die Songs umsichtig eingerichtete Zimmerfluchten voller schicker Designermöbel. Nichts fordert heraus, alles gleitet. Weich, warm und von milder Schläfrigkeit ist auch ihre Stimme wieder, ihr eigentliches Betriebsgeheimnis. Dido ist die große Schwester, die auf der Suche nach tröstenden Worten auch mal im Banalen fischt: "No love without freedom / no freedom without love".

Stoisch folgt sie ihrer Route, was manchmal in Routine umschlägt. Singles sind daran zu erkennen, dass sie an frühere Hits erinnern. Und was einmal großartig war, wirkt mit einem Mal nur verdächtig gediegen. So ist das mit der Liebe. Am Ende sorgt Brian Eno mit The Day Before We Went To War für den einsamen Höhepunkt eines allzu behaglichen Albums, indem er Dido hinaus auf das gespenstisch dünne Eis echter Experimente lockt. Dort klingt dann plötzlich sogar ihre Stimme anders. Brüchig, nackt, befreit.