DIE ZEIT: Ist der Klimawandel real?

Matthias Bichsel: Ja. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Kohlendioxidemissionen zur Erwärmung der Erde beitragen. Zahllose wissenschaftliche Studien zeigen das.

ZEIT: Und ist der Mensch verantwortlich?

Bichsel: Ich glaube schon, ja.

ZEIT: Also ist es auch am Menschen, den Klimawandel aufzuhalten?

Bichsel: An wem denn sonst? Die Kohlendioxidemissionen sind seit Beginn der Industrialisierung stark gestiegen. Dafür sind die Menschen verantwortlich. Also müssen wir etwas tun, um diesen Anstieg zu bremsen.

ZEIT: Warum steckt Shell dann nach wie vor jährlich Milliarden in die Suche nach und die Ausbeutung von Öl, einem der klimaschädlichsten Stoffe überhaupt?

Bichsel: Die Menschheit benötigt immer mehr Energie, und wir liefern diese Energie. Aber wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Darum treiben wir ganz bewusst den Gebrauch von Gas gegenüber Öl oder Kohle voran. Wir produzieren inzwischen mehr Gas als Öl und investieren den größten Etat unserer Branche in die Entwicklung neuer Technologien.

ZEIT: Mit Verlaub: Allein 2011 hat Shell fünf Milliarden für die Öl- und Gasexploration ausgegeben. Für die Entwicklung und Erforschung von CO2-freien Energien wenden Sie dagegen nur ein paar Hundert Millionen auf.

Bichsel: Wir sind eine Öl- und Gasgesellschaft.

ZEIT: Aus dem Solargeschäft hat sich Shell völlig zurückgezogen. Also ist Shell kein Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel.

Bichsel: Ich behaupte auch nicht, dass wir Vorreiter sind – sondern, dass der Klimawandel uns als Unternehmen eben auch betrifft. Wir haben aber festgestellt, dass Solar nicht zu unserer Kernkompetenz passt; wir engagieren uns im Bereich Biokraftstoffe. Für die Stromerzeugung setzen wir auf Erdgas als die ideale Ergänzung zu erneuerbaren Energien.

ZEIT: Warum sucht Shell dann selbst in der Arktis und in der Tiefsee nach Öl, also in Gebieten, in denen riesige Gefahren für die Umwelt drohen?

Bichsel: Als private Öl- und Gasgesellschaft müssen wir Rohstoffe in Gebieten suchen, in denen wir Lizenzen dafür bekommen. Unsere Technologie erlaubt uns, in schwerer zugänglichen Gebieten zu operieren – sicher und ohne Umweltbelastung.

ZEIT: Vor Alaska ist gerade eine Bohrinsel auf Grund gelaufen. Und da reden Sie von Sicherheit?

Bichsel: Es ist verständlich, dass sich die Menschen Sorgen machen. Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst. Sie können sicher sein, dass wir nur tun, was beherrschbar ist.

ZEIT: Geht es Ihnen nicht vor allem darum, das traditionelle Geschäftsmodell ihres Unternehmens so lange wie möglich aufrechtzuerhalten – koste es, was es wolle?

Bichsel: Nein. Wir sind eine Öl- und Gasfirma, wir suchen nach Öl und Gas, die wir fördern können. Aber gleichzeitig forschen wir an Alternativen wie zum Beispiel Wasserstoff, auch in Deutschland. Irgendwann hört das fossile Energiezeitalter auf, weil ein neues, anderes Zeitalter kommt.

ZEIT: Und das bricht jetzt an?

Bichsel: Ja, der Übergang beginnt jetzt.