Chile im Jahr 1988. 16 Jahre hat Pinochet das Land terrorisiert, eine ganze Generation ist mit Folter, Mord und Vertreibung in die Jahre gekommen, aber auch mit den Segnungen eines rücksichtslosen, modellhaft neoliberalen Kapitalismus, der einem neuen Mittelstand Autos, Häuser und gefüllte Kühlschränke bescherte. Zu diesen Nutznießern gehört der Werbedesigner René Saavedra, dargestellt von Gael García Bernal. Er hilft, absurde Soaps ebenso zu verkaufen wie ein Cola-Getränk namens "Free", und jedes Mal macht er seine Arbeit den Auftraggebern mit denselben hohlen Worten von "sozialem Kontext" und "Chiles Zukunft" schmackhaft.

Irgendwann war das vielleicht anders; Renés Vater war ein Gegner der Diktatur, Freunde von einst werden von ihm halbherzig verleugnet. Einer von ihnen tritt mit einem besonderen Anliegen an ihn: Unter internationalem Druck hat Pinochet in ein Referendum eingewilligt, das darüber entscheiden soll, ob er weitere 8 Jahre im Amt bleibt oder Gegenkandidaten bei einer Wahl akzeptieren muss. 15 Minuten billigt er der in sich zerstrittenen Opposition an TV-Sendezeit zu. Und René soll sie mit der Kampagne für das "No!" füllen. Das macht er mit all seinem professionellen Wissen, indem er statt politischer Wahrheit und Anklage Glücks- und Tanzbilder, Jingles und ein Markenzeichen und ein neues Lebensgefühl, alegría, etabliert. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die historische Wahrheit, die Erinnerung an das Unrecht, das politische Bewusstsein.

Trotz aller Einschüchterungen und Gegenkampagnen setzt sich das "No!" durch. Aber der Preis dafür ist die weitere Entmündigung; an die Stelle der Diktatur tritt das Fernsehen, es gibt weder einen Bruch noch einen Prozess, Pinochet selber bleibt unbehelligt und darf sein Leben als Millionär genießen.

Die Geschichte klingt sarkastischer, als der Regisseur Pablo Larraín sie erzählt. Er gibt seinem Protagonisten Zeit, die eigene Zerrissenheit zu erleben, fügt seine privaten Dramen, die Sorge um seinen kleinen Sohn hinzu. Bernal hat diese Fähigkeit, seine Figur ganz leer zu machen, zwischen Treuherzigkeit, Triumph und Selbsthass. Der eigentliche Schurke, Renés Chef, der alle die propagandistischen Phantasmen der Pinochet-Regierung verinnerlicht hat, versucht mit einer Mischung aus Verlockungen und Drohungen den Mitarbeiter von seinem Plan abzuhalten. Und René muss am eigenen Leib die Unterdrückungs- und Einschüchterungsmethoden des Regimes kennenlernen, doch zu einem politischen Menschen wird er dadurch nicht mehr. Stattdessen bildet er mit diesem faschistischen Partner, vielleicht auch seinem ganz persönlichen Mephisto, in der Nach-Pinochet-Zeit ein "unschlagbares" Team, das die große Unterhaltungsmaschine mit neuem modernen Unfug beliefert.

Dieser Partner wird von Alfredo Castro dargestellt, der in den beiden Filmen, mit denen zusammen No! eine Trilogie bildet, bereits Nutznießer des Regimes verkörperte: einen Begräbnis-Unternehmer in Post Mortem, einen Dieb und Mörder in Tony Manero. Die Kontinuität dieser Figur gibt den Filmen eine sehr eigene Schärfe: Nicht nur um die äußere Gewalt geht es, sondern auch darum, was die Diktatur in den Köpfen anrichtet, und darum, wie sich politische Gewalt und Konsum und Karriere ergänzen. No! ist auf den ersten Blick der am wenigsten düstere Film der Trilogie, schließlich gibt es so etwas wie ein Happy End, das Morden hat ein Ende. Auf den zweiten Blick ist es der hoffnungsärmste. Es ist, als sei der Triumph der "No!"-Kampagne vor allem darauf zurückzuführen, dass Renés Gegner, die seinen Partner aus der Werbefirma zum Leiter der "Si!"-Kampagne gemacht haben, auf zu altmodische Formen der Propaganda gesetzt haben. Und Pinochet wird möglicherweise nicht verjagt, er wird nur nicht mehr gebraucht. So darf er weiter unbehelligt sein Leben als Millionär genießen. Wichtiger scheint längst die Markteinführung der Mikrowelle.

Seine Parabel von Anpassung und Widerstand erzählt Larraín mit einer Mischung aus TV-Spiel, Reportage und geschickt in den Medienalltag der kleinen Familie hineingeschnittenem Dokumentarmaterial, in einer unspektakulären 4:3-Bildgestaltung mit betont unsanften Schnitten, scheinbar willkürlichen Bildausschnitten und Lichteinfällen. Politische Geschichte, sagt dieser Film, ist immer auch Mediengeschichte. Das ist eine Chance. Und das ist ein Desaster.