Dieses unterhaltsame Filmchen spielt vorwiegend am Pool oder im Filmstudio, gelegentlich auch im Schlafzimmer – aber dann sitzt dort nur ein sehr dicker Mann, glotzt TV und stopft sich mit Essen voll. Der dicke Mann ist keine Frohnatur. Er verzehrt sich vielmehr nach blonden Frauen und hat keine Chance bei ihnen, die Studiobosse von Hollywood hasst er bis aufs Blut und kann sie doch nicht meucheln. Das alles macht ihn traurig. Immer öfter fährt er aus der Haut. Anders als andere Zeitgenossen sucht sich der Mann jedoch einen Kanal, seine Sau jedenfalls künstlerisch rauszulassen: Er dreht einen Film, er dreht Psycho.

Hitchcock spielt 1959/60, gewissermaßen in der Lebensmitte des großen Spannungsmeisters. Den Unsichtbaren Dritten hat er gerade abgeschlossen, danach schlittert er in ein Gefühlsloch, das er vor allem mit Drinks ausfüllt, und jetzt muss er nach einem neuen, einem noch spektakuläreren Stoff Ausschau halten. Sonst vergisst Hollywood ihn. Bald fesselt ihn die Geschichte des irren Muttersöhnchens Norman Bates. Sie liegt hart an der Grenze dessen, was der Zensur zumutbar ist, aber es ist seine, eine brutale und radikale Geschichte. Mit dem Film wird es allerdings schwierig. Hitchcock muss kämpfen. Seine Geldgeber finden die Story blöd. Das eigene Haus muss verpfändet werden, die Ehe kriselt, und jedes Gesicht, in das er blickt, scheint ihm zu sagen: Nun lass mal gut sein. Du hattest deine Zeit.

Er zieht Psycho durch, aber es wird ein Höllenritt. Davon erzählt dieser biografisch-anekdotische Film im Wesentlichen, er ist ein fiktives Making-of, aber die Hölle wird nur ganz dezent angedeutet. Es ist ein Film für alle, so mit richtigen Stars, Anfang und Ende und einer Moral. Wie seine psychischen Sonderbarkeiten, seine Verklemmtheit, sein mangelndes und dann wieder übersteigertes Selbstwertgefühl, seine menschenfeindlichen, ja sadistischen Fantasien den Regisseur schüttelten und zermürbten und es ihm doch gelang, sie für die eigene Arbeit produktiv werden zu lassen, das ist ein interessantes, sicher aber keinen Film tragendes Thema. So schiebt sich einigermaßen unsanft eine ganz andere Geschichte über den schweren Fall: Es ist eine kreuzbrave Ehegeschichte, sie hebt mit leichter Entfremdung an, steigert sich zum Beinahe-Ehebruch, um in ein neues Glück zu münden.

Alma Reville war von 1926 bis 1980 mit Alfred Hitchcock verheiratet. Sie ertrug es jahrzehntelang, in seinem Schatten zu stehen, obwohl sie eine hervorragende Cutterin und Drehbuchautorin war. Niemand hat einen vergleichbaren Einfluss auf Hitchcocks Filme ausgeübt wie Reville. Nicht nur im Film, auch in Wirklichkeit rettete sie Psycho mit ihrem Schnitt vor einem schmählichen Ende in den Asservaten der Filmgeschichte. Aber auch das ist noch kein Filmstoff, und es ist nur der Schauspielkunst Hellen Mirrens zu verdanken, dass man dieser Romanze in Altrosa zu folgen geneigt ist.

Einsam und am Rande der Selbstzerstörung bewegt sich also das (männliche) Genie im Orbit, und erst wenn sich ein schönes, kluges Weib seiner erbarmt, wird’s ein Erfolg. Das ist hier die Botschaft. Mit diesem Schmarren, Kunst und Leben gelängen schon, wenn nur in der Beziehung der rechte Teamgeist waltete, werden wir hier eingelullt.

Der Gedanke, dass Alfred Hitchcock seinen mordenden Helden womöglich ähnlicher war als das gängige Bild vom gesichtsstarren Briten mit trocknem Humor es nahe legt, ist noch immer ein unbehaglicher Gedanke und wird hier niemandem zugemutet. So fällt echte suspense aus. Das Schauerlichste, das wir zu sehen bekommen, ist die kompakte Gummimaske, unter der Anthony Hopkins den Hitch spielen muss. Hopkins ist nicht schlecht, aber er ist besser, wenn er wirklich böse sein darf. Jessica Biel und Scarlett Johansson spielen die "Hitchcock-Blondes" nur und signalisieren in jeder Sekunde, dass sie sich im echten Leben Obsessionen aller Art verbitten würden. Natürlich sieht man ihnen gerne zu. Am Schluss steht Hopkins-Hitch im Vorraum eines Kinos und dirigiert verzückt die Aufschreie des Premierenpublikums. Das ist eigentlich eine ziemlich dämliche Szene, aber man nimmt sie diesem Film nicht übel, wie manches andere nicht.

Der echte Alfred Hitchcock drehte nach Psycho natürlich weiter und legte blondinenmäßig erst richtig los. Julian Jarrold führte letztes Jahr in seiner BBC/HBO-Produktion The Girl das Monstrum vor, das Hitchcock vermutlich tatsächlich war. Während der Dreharbeiten zu den Vögeln (1963) und zu Marnie (1964) drangsalierte er seine Hauptdarstellerin Tippi Hedren auf so unwürdige und grausame Weise, dass die Filmindustrie von heute einen wie ihn wohl ächten würde. Von wegen Film fertig, Ehe gerettet. Der dicke Mann blieb ein trauriger und ein böser Mann. Die Seele lässt sich doch nicht verfilmen.