Der amerikanische Investor Warren Buffett nannte sie einmal »finanzielle Massenvernichtungswaffen«: Derivate. Jetzt sollen sie entschärft werden. Von 2014 an gelten in Europa Regeln, die verhindern sollen, dass dem Finanzsystem noch einmal wie 2008 die Kernschmelze droht – und damit eine weltweite Rezession.

Die neuen Vorschriften haben das Ziel, mehr Sicherheit und Transparenz im Handel mit CDS, Zins-Swaps und anderen Derivaten zu schaffen. Doch sie könnten dazu führen, dass neue Risikoquellen entstehen, die womöglich das globale Finanzsystem gefährden.

Längst haben Großbanken Wege entdeckt, wie sie die schärferen Regeln unterlaufen können – und damit großteils unwirksam machen. Manmohan Singh, leitender Ökonom beim Internationalen Weltwährungsfonds (IWF), fühlt sich sogar schon an die Situation vor Ausbruch der Finanzkrise erinnert. Droht eine Wiederholung dieser Katastrophe? Genau dies wollten die Gesetzgeber doch mit den neuen Vorschriften zur Bändigung der Finanzmärkte verhindern.

Die USA haben bereits im vergangenen Sommer damit begonnen, den Derivate-Handel stärker zu kontrollieren. Zunächst wurden die neuen Vorschriften auf einige ausgewählte Finanzinstrumente angewandt, bevor dann Schritt für Schritt alle anderen Derivate reguliert werden. Etwas später dran ist die EU mit der entsprechenden Verordnung, der European Market Infrastructure Regulation (Emir).

Beide Regelwerke haben empfindliche Schwächen, die Großbanken und Spekulanten für ihre Zwecke ausnutzen könnten. Sie betreffen ein Kernelement der Regulierung, die sogenannten Clearing-Stellen. Über sie müssen Banken, Versicherungen, Hedgefonds und andere Marktteilnehmer künftig jeden Handel mit Derivaten abwickeln. Eine dieser Stellen heißt Eurex Clearing, sie ist eine Tochter der Deutschen Börse.

Die Clearing-Häuser garantieren gegenüber allen Parteien, die ein Derivate-Geschäft miteinander abschließen, dass die andere Seite auch wirklich zahlt. »Um diese Garantie leisten zu können, verlangt die Eurex Clearing von ihren Teilnehmern Sicherheiten«, sagt Eurex-Manager Matthias Graulich. Wird ein Derivate-Spekulant klamm, dann können sich seine Geschäftspartner durch die hinterlegten Sicherheiten schadlos halten. Das sind in der Regel Staatsanleihen von Ländern, die als besonders stabil gelten – etwa Deutschland, Finnland oder die USA.

Mit den Regeln soll verhindert werden, dass der Bankrott eines Finanzinstituts ein anderes mit in den Abgrund reißt. Ähnliche Kettenreaktionen gab es 2008 in den USA, als die Investmentbank Lehman Brothers pleiteging. Durch falsch bewertete Derivate geriet kurz darauf auch der Versicherungskonzern AIG ins Taumeln. Die amerikanische Regierung musste ihn mit dreistelligen Milliardenhilfen retten.

Solche kostspieligen Rettungsaktionen sollen künftig mit der Hinterlegung von Sicherheiten vermieden werden. Es geht um enorme Beträge: Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat der Handel mit Derivaten weltweit ein Volumen von 640 Billionen Dollar. Das ist fast zweihundert Mal so viel wie das deutsche Bruttosozialprodukt.

Selbst wenn die Derivate-Händler nur einen winzigen Bruchteil dieses Volumens mit Sicherheiten unterlegen würden, benötigten sie hierfür gewaltige Summen. Die Beratungsfirma Tabb schätzt: Allein in den USA beträgt der Bedarf an zusätzlichen Sicherheiten für den Derivate-Handel rund 2,6 Billionen Dollar. In der EU werden zwischen 700 Milliarden und 1,2 Billionen Euro fällig, errechnete die Rating-Agentur Moody’s.