Der ungarische Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker László F. Földényi gehört zu jener seltenen Gattung von Geisteswissenschaftlern, die eher Primär- als Sekundärliteratur verfassen. Seine Werke machen sich im Sinne einer fröhlichen Wissenschaft frei von Forschungsstandsdebatten, es sind literarische Essays im französischen Wortsinn, assoziationssatte Versuche, mit denen ein Autor oder ein Sachverhalt beharrlich umkreist werden. Im deutschsprachigen Raum hatte sein eigenwilliges Wörterbuch zu Kleist (Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter, 1999), mit dem er die Betrachtung einzelner Werke dieses Schriftstellers zugunsten der Reflexion über dessen Schlüsselbegriffe verweigerte, für ziemliches Aufsehen gesorgt. Bereits in diesem Buch legte Földényi – auch wenn er sich mit einem konkreten Textkorpus beschäftigte – ganz grundsätzlich das Augenmerk auf unsere paradoxale Grundverfasstheit. Unter dem Stichwort Blick etwa heißt es: "Der Blick und der Anblick stellen, indem sie alles ins Leben erwecken und schöpferisch werden, gerade die Schöpfung, die universelle Ordnung und den letzten Sinn der Existenz unwiderruflich in Frage." Anhand der Texte Kleists umriss Földényi unauflösbare Gegensätze: Die literarischen Figuren vermögen erst dann Trost zu finden, wenn sie dem äußersten Unglück ausgesetzt sind, erst auf dem Gipfel des Glücks blicken sie in den Abgrund. Verlebendigung und Selbstauslöschung, Glück und Unglück fallen in eins.

Mit dieser Gedankenfigur hatte sich Földényis neuestes Buch über mystische Momente namens Starke Augenblicke bereits abgezeichnet. Schon in der Auseinandersetzung mit Kleist arbeitete er an einer antimetaphysischen Metaphysik, an einer antimystischen Mystik, die den emphatischen, dialektisch nicht mehr auflösbaren Augenblick ins Zentrum seiner Überlegungen rückt. Augenblicke, die das Individuum blitzartig träfen, so Földényi, kämen mithin mystischen Erfahrungen gleich. Er nähert sich in seinem neuen Buch in immer neuen Anläufen Momenten, die den Verlust der Selbstkontrolle anzeigen, "in denen das Dasein selbst einen Riss bekommt", in denen "im Maß das Maßlose" durchschimmert. Es zeichnet das religiöse Erlebnis aus, dass es sowohl als Beraubtheit als auch "als überfließende Ganzheit" empfunden wird. Dem Mystiker ist Gott nichts Äußeres, und doch lädt er sich im emphatischen Moment mit etwas auf, das nicht zu ihm gehört. Erst im "Erlebnis der Fremdheit" findet er zu sich selbst.

Es überrascht nicht, dass die stärkste Versinnbildlichung des mystischen Moments im Liebesaugenblick zu finden ist. Ein Verliebter entdeckt sich bekanntermaßen im anderen. Der Moment der Selbstfindung ist aber sogleich "der Augenblick der Beraubtheit", der Verliebte ist außer sich, er hat, wie Földényi wunderbar paradox formuliert, "seine eigene Mitte gefunden, aber außerhalb seines Selbst". Der Verliebte spürt dabei, dass das "Dasein selbst keine Mitte hat", kein Fundament, auf dem sich bauen lässt. Sich im Unbekannten zurechtzufinden, heißt: sich zu verlieren im Strudel.

Man muss Földényis Anliegen emphatisch deuten: Hier schreibt jemand ein Buch über mystische Augenblicke und vollzieht sie dabei. Das Geschriebene gerinnt hier selbst zum quasireligiösen Artefakt, auch dem Kunstwerk über Mystik (und als solches muss man dieses Buch unbedingt begreifen) liegt – wie dem schwindelerregenden Gotteserlebnis – "eine unvermeidliche Unklarheit" zugrunde, weil das, "worauf die Sprache sich richtet, einerseits ihr Gegenstand ist, andererseits sich aber auch schon in der sprachlichen Formulierung eingenistet hat". Die Sprache ist defizitär, sie kann sich dem nichtdarstellbaren, extatischen Moment nur in immer neuen Versuchen annähern. Dies geschieht hier anhand motivgeschichtlicher Ausführungen, etwa zum Blick, zum Nabel, zum Chaos und anhand von Alltagsempirie. Die verzweigten Referenzen von der Antike bis zu Gegenwartsautoren, auf die sich Földényi beruft, werden dabei nicht als Autoritäten angerufen, sondern als Zeitgenossen, mit denen man in Dialog tritt.

So hat Földényi ganz gezielt kein systematisches, hierarchisches Werk zur Mystik geschaffen, sondern sieben gleichrangige, sich ergänzende Essays abgefasst, die sein Thema insofern behandeln, als dass sie es literarisch zur Anschauung bringen – glänzend ist dabei unter anderem ein Exkurs zum menschlichen Gesicht: Dieses ist je einzigartig, aber in extatischen Momenten weist es Ähnlichkeiten zu anderen Gesichtern auf. Im Untertitel heißt das Buch deshalb auch treffend Eine Physiognomie der Mystik. Wo die Sprache an der Darstellung des inneren Erlebnisses zuverlässig zerschellt, bleiben die äußeren Zeichen zugänglich.

Die institutionelle Kirche wie die Aufklärung haben die Mystik zumeist als weltferne Esoterik gebrandmarkt. Der Gottesglaube sollte nach Möglichkeit nicht ins Gotteserlebnis abdriften: Beten statt Ekstase. Auf der Rückseite des offiziellen Glaubens aber lebte sie in der Kunst, in der Philosophie, in der Literatur weiter. Földényi folgt den Spuren des mystischen Augenblicks, den er gleichsam beschwört. Er beschweigt nicht, worüber man nicht sprechen kann. Dieses wunderbare Buch ist, so besehen, ein einziger großer Widerspruch.