Beileibe, die Schweiz kümmert sich gut um die Herzen seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Gleich fünf Professoren und zwei Regierungsräte haben den vereinigten Medienschaffenden vergangene Woche vom neuen Herz- und Gefäßzentrum berichtet, das bis 2020 für 440 Millionen Franken am Berner Inselspital gebaut werden und fortan Schweizerisches Herz- und Gefäßzentrum heißen soll. Bern, so die Botschaft, ist der Ort, an dem künftig mit nationalem Anspruch und gleichsam offiziell am Herzen hantiert wird.

Das neue Zentrum ist ein weiterer Akt im Drama um die Herztransplantationen in der Schweiz, ein Drama, das medial zuweilen auch als Krieg zwischen Bern und Zürich inszeniert wird, vor allem jetzt wieder, wo es ernst wird. Der Entscheid steht an, wer die 26 bis 36 Herzen transplantieren darf, die pro Jahr verpflanzt werden können. Eine Zahl, so niedrig, dass auch für Laien klar ist: Hier geht es um Prestige und Standortpolitik und nicht um die Frage einer angemessenen Versorgung. Denn diese könnte von einem einzigen Spital gewährleistet werden und müsste nicht wie heute auf die drei Standorte Lausanne, Bern und Zürich verteilt sein.

Wie bekannt ist, konnte sich die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) bzw. deren Beschlussorgan vor drei Jahren nicht dazu durchringen, alle Transplantationen nur noch in Bern zu erlauben, so wie es das Expertengremium, das Fachorgan für hoch spezialisierte Medizin (HSM), damals empfohlen hatte.

Bis zum Ende dieses Jahres muss die Frage nun definitiv entschieden werden, will man verhindern, dass sich der Bundesrat der Sache annimmt. Aber bevor das Expertengremium HSM seine Beratung überhaupt erst wieder aufgenommen hat, ist schon heute so gut wie sicher: Es wird alles bleiben, wie es ist. Nicht weil dies fachlich gesehen plötzlich notwendig wäre oder die Organspendenfreudigkeit der Schweizerinnen und Schweizer zugenommen hätte und es mehr Herzen zu transplantieren gäbe, sondern schlicht und einfach deshalb, weil die Sache politisch entschieden wird. Der Druck auf die zehn Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren des Beschlussorgans wird auch jetzt wieder zu groß sein, als dass sie einem Spital die Transplantationen wegnehmen könnten. Der Entscheid wird hinter den Kulissen, bevor er auch nur gefällt ist, ein "Armutszeugnis" geschimpft, von andern als ein "Scheitern am Föderalismus" bezeichnet.

Ob all dem Lärm um die Transplantationen ist in den letzten Jahren eine andere, nicht weniger wichtige Frage vergessen gegangen: Ist es sinnvoll, dass nicht nur in Lausanne, Zürich und Bern am offenen Herzen operiert wird, sondern auch noch in 15 weiteren Spitälern? Neben den drei Transplantationsspitälern sind dies die beiden Universitätsspitäler in Genf und Basel sowie vier Kantonsspitäler und acht Privatkliniken, fünf davon zur Hirslanden-Gruppe gehörend. Damit ist die Versorgung, gemessen an der Einwohnerzahl, doppelt so dicht wie in Deutschland.

Wie ist es zu rechtfertigen, dass allein auf dem Gebiet der Stadt Zürich in fünf Operationssälen große Eingriffe am Herzen gemacht werden? Dass manch ein Spital viel Geld in eine Infrastruktur steckt, die pro Jahr für ein paar Hundert Operationen genutzt wird und veraltet, bevor sie amortisiert ist? Und dies in einem medizinischen Gebiet, das dank der riesigen Fortschritte in der Kardiologie in Zukunft kaum stark wachsen wird – trotz demografischem Wandel und obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins sind?

Für Volkmar Falk, Klinikdirektor der Herz- und Gefäßchirurgie des Züricher Universitätsspitals, ist klar: "Es gibt zu viele Zentren, eine Konzentration ergibt Sinn, auch aus Patientensicht." Er meint damit die Wichtigkeit der Routine bei Herzoperationen: "Es gibt eine kritische Menge, die nicht unterschritten werden sollte. Andernfalls steigt das Risiko für Komplikationen." Mit dem Zürcher Herzverbund ist in Zürich ein erster, wenn auch zaghafter Konzentrationsschritt geplant. Von 2014 an wollen das Universitätsspital und das Stadtspital Triemli nur noch an einem Ort operieren. Raum dafür soll von Oktober an im für seine engen Platzverhältnisse bekannten Universitätsspital im renovierten Osttrakt sein, so Falk.

Für den Gesundheitsökonomen Willy Oggier ist die "herzchirurgische Berieselung der Schweiz" ein Problem. Weniger als die Kosten macht ihm die Qualität Sorgen. Eine Qualität, von der zwar gerne gesprochen wird, von der aber niemand weiß, wie sie aussagekräftig gemessen werden soll. Und doch wäre es wichtig zu wissen, ob es stimmt, was immer wieder behauptet wird: dass an einem Spital, an dem der Operateur weniger versiert und das Team weniger eingespielt ist, das Risiko größer ist, einen schweren Eingriff nicht zu überleben. Ob es sich aus Patientensicht also lohnen würde, sich statt im vertrauten Kantonsspital im weiter entfernten Universitätsspital operieren zu lassen.

Glaubt man Oggier, so führt dereinst nichts an einer "knallharten, externen Evaluation" vorbei. Denkbar wäre für ihn ein System von unabhängigen ausländischen Überprüfern, welche unangemeldet jedes Spital betreten könnten. Wer ihnen den Zutritt verweigert, wäre raus aus dem Rennen um eine herzchirurgische Abteilung. Die Qualitätsüberprüfung, die Oggier vorschwebt, müsste im Rahmen einer Langzeitbeobachtung geschehen, unabhängig finanziert – am besten mit nationalen Forschungsgeldern – und risikojustiert sein. Damit sind die Nachteile gemeint, welche hoch spezialisierte Spitäler gegenüber anderen in Kauf nehmen müssen, weil sie in der Regel die komplexesten Patienten behandeln. Oggier ist überzeugt, dass sich auf diesem Weg die Bereinigung "ganz automatisch" ergeben würde.

Auch für Thierry Carrel, Klinikdirektor der Berner Universitätsklinik für Herz- und Gefäßchirurgie, würde es sinnvoll sein, die Angebote der Herzchirurgie zu reduzieren und "auf einige größere Kliniken zu konzentrieren". Dies auch mit Blick auf die Ausbildung von angehenden Herzchirurgen: "Kleine Spitäler führen eher einfachere Eingriffe durch. Diese fehlen dann in den Ausbildungskliniken, die allein den Nachwuchs sichern müssen."

Erstaunlicherweise wurde das Thema von der GDK, zuständig für die Spitalliste der hoch spezialisierten Medizin, bisher nicht aufgegriffen. Laut Heidi Hanselmann, Präsidentin des HSM-Beschlussorgans ist es aber eine "Option", dass die Herzchirurgie dereinst in die Roadmap Eingang findet, die das Organ für die hoch spezialisierte Medizin erarbeitet. Dies wäre ein erster Schritt für eine breite Diskussion über Sinn, Unsinn und Finanzierbarkeit von 18 Herzchirurgie-Standorten.

Angesichts des Dramas um die Vergabe der Transplantationen, das die GDK in ihre föderalistischen Schranken gewiesen hat, ist verständlich, dass sich bisher niemand darum gerissen hat, das Thema auf die Traktandenliste zu heben. Trotzdem fragt man sich, ob hier ein System im Begriff ist zu versagen, wenn es nicht in der Lage ist, die Aufgabe, die ihm obliegt, zu lösen. Nämlich, die hoch spezialisierte Medizin gemeinsam zu planen.

Die Frage, wer sich in Zukunft um die Herzen der Menschen kümmern darf, wird die Schweiz noch lange beschäftigen. So lange, wie wir an der Vorstellung festhalten, dass ein gutes Spital eines ist, das jede erdenkliche Behandlung selber anbietet. So lange auch, wie es finanziell von Nachteil ist, eine medizinische Leistung im Nachbarkanton einzukaufen.