Traurig war niemand über seinen Tod, nicht einmal die eigene Mutter, wie sie in einem Interview sagte. Der Schulbusfahrer Ram Singh, 34, ein armer Mann aus einem Slumviertel im Südwesten Delhis, den die Nachbarn wegen seiner Aggressivität mieden, war längst der Bösewicht der Nation. Kaum jemand, der nicht die Todesstrafe für ihn forderte.

Singh war der Hauptangeklagte im Prozess um die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Medizinstudentin in Delhi. Das Verbrechen hatte im vergangenen Dezember das ganze Land schockiert und erzürnt. Am Montag fand man Singh tot in seiner Gefängniszelle. Hat sich an der Unterdrückung von Frauen in Indien inzwischen etwas geändert? Hat die Regierung irgendetwas getan?

Was den Tod Singhs betrifft, hinterfragten die lokalen Medien schnell die offizielle Selbstmordversion der Gefängnisbehörde. Konnte es nicht auch Mord gewesen sein? Es spielt keine Rolle: Die Gefängnisaufsicht hätte dafür sorgen müssen, dass dem Inhaftierten nichts zustößt. Die Polizei hatte noch gewarnt: Der Angeklagte sei suizidgefährdet, man solle auf ihn aufpassen.

Mit dem Tod des Inhaftierten hat Indien eine große Chance vertan. "Die Justiz hätte ihren Weg gehen und ein gerechtes Urteil sprechen müssen. Jetzt wird es schwer, mit dem Prozess ein Exempel zu statuieren", sagte Kavita Krishnan, die Generalsekretärin des Frauenverbands All India Progressive Women’s Association.

Singhs Verbrechen kennt inzwischen fast jeder, doch vor Gericht wird seine Geschichte nun Lücken aufweisen. Er lebt nicht mehr, sein Fall ist damit abgeschlossen. Seine Aussagen gegenüber der Polizei haben vor einem indischen Gericht keinen Bestand mehr. Da gilt nur sein bisheriges Plädoyer: Nicht schuldig.

Dabei wäre das Exempel dringend nötig gewesen: Tausende von mutmaßlichen Vergewaltigern laufen in Indien frei herum, weil ihre Fälle von den Gerichten über Jahre hinweg aufgeschoben werden. Deshalb führte die Regierung im Januar als Antwort auf die Proteste Schnellgerichte ein, die sich speziell mit Vergewaltigungen beschäftigen. Vor einem solchen stand auch Singh. Doch was nutzte es?

Wieder einmal droht in Indien eine vielversprechende Reformbewegung zu scheitern. In den Behörden herrscht noch immer der Geist der britischen Kolonialzeit: Man befiehlt dem Bürger und dient ihm nicht. Jede Frau, die eine Vergewaltigung anzeigt, ist der Polizei lästig. Im vergangenen Jahr kam ein Regierungsbericht zu dem Schluss, dass 53 Prozent aller indischen Kinder sexuell misshandelt würden. Ursache ist die weitgehende soziale Akzeptanz und Straffreiheit für alle Formen sexueller Gewalt in der Großfamilie. Es ist wie mit der Kastendiskriminierung: Man spricht nicht darüber. Gerade deshalb war die Vergewaltigungsdebatte der letzten Wochen ein wichtiger Tabubruch.