DIE ZEIT: Herr Kardinal, was ist ein Papst?

Walter Brandmüller: Was ein Papst ist, kann man nur verstehen, wenn man weiß, was die Kirche ist. Weit verbreitet ist in der säkularisierten Gesellschaft der Irrtum, die Kirche sei ein Unternehmen, das der Sinnfindung, der Lebenshilfe, der Nächstenliebe dient – recht und schön. Daseinszweck der Kirche ist es aber, die einzelnen Menschen mit dem erlösenden Gott in persönliche Verbindung zu bringen. Zu diesem Zweck hat Jesus sie gestiftet, um sein Offenbarungs- und Erlösungswerk bis zum Ende der Zeit fortzusetzen. Petrus ist der Fels, auf den die Kirche gebaut wird, und Petrus bekommt die Vollmacht: Weide meine Schafe. Das ist der bleibende Sinn des Amtes.

ZEIT: Aber die Schafe ändern sich ja mit der Zeit. Muss sich dann nicht auch die Art ändern, sie zu weiden?

Brandmüller: Natürlich. Die Art und Weise der Amtsausübung wird von den konkreten historischen Notwendigkeiten mitbestimmt. Es ist ein Unterschied zwischen der Urkirche in Palästina und Rom mit etlichen Tausend Gläubigen und heute den eineinhalb Milliarden Katholiken. Da ist aus dem biblischen Senfkorn des Glaubens ein Baum gewachsen, in dessen Zweigen die Völker der Erde wohnen.

ZEIT: Und was heißt das für den heutigen Papst?

Brandmüller: Wenn auch die soziokulturellen, ökonomischen und politischen Verhältnisse sich wandeln: Der Mensch bleibt Mensch – mit seinen Größen und Grenzen. Und Papst bleibt Papst, weil die Botschaft Jesu dieselbe bleibt.

ZEIT: Und dennoch – ich besuche Sie an einem besonderen Tag, heute war die letzte Beratung der Kardinäle vorm Konklave. Wieso müssen Sie überhaupt beraten, wenn alles seit Anbeginn des Christentums klar ist?