DIE ZEIT: Herr Blankart, warum macht ein Schweizer bei einer deutschen Partei mit, die die EU sprengen will?

Charles Blankart: Von Sprengen kann keine Rede sein. Die Wahlalternative 2013 steht für ein seriöses Europa. Ich bin Professor für öffentliche Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin und finde deshalb, dass die öffentlichen Finanzen seriös geführt werden müssen. Dieser Euro beruht auf Rechtsbruch. Das kann nicht funktionieren. Das lehne ich ab.

ZEIT: Der Euro hat keine Zukunft?

Blankart: Nein. Dieser Euro hat keine Zukunft. Würden die einstigen Verträge eingehalten, so wäre das anders.

ZEIT: Ihre Partei will, dass jedes Land den Euro abschaffen und wieder eine nationale Währung einführen kann. Damit verabschieden Sie sich von der Idee eines solidarischen Europas.

Blankart: Nationale Währungen stellen einen Ausgangspunkt dar, von dem aus sich die Staaten Europas neu organisieren können. Wenn der Euro ohne Subventionen nicht hält, so lohnt er sich offenbar nicht. Dann ist es besser, nach dem Grundsatz "gute Freunde, getrennte Kassen" zu leben. Solidarität lässt sich nicht erzwingen. Dadurch, dass einige Regierungen eine "gemeinsame Kasse" erzwingen wollen, setzen sie die Freundschaft und damit Europa aufs Spiel.

ZEIT: Sie riskieren mit der Abschaffung des Euro ein Auseinanderbrechen Europas.

Blankart: Unsinn. Europas historische Größe besteht im Wettbewerb vielfältiger Kulturen und nicht in der Währungseinheit.

ZEIT: Können Sie die sozialen Folgen in den Ländern, die aus dem Euro-Raum austreten würden, verantworten?

Blankart: Griechenland hat unter dem Euro 26 Prozent Arbeitslose. Würde es aus dem Euro austreten und abwerten, so fielen die Lohnkosten. Es lohnte sich wieder, dort zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Beschäftigung und Wohlstand kämen langsam zurück. Solange dieser Schritt nicht vollzogen ist, kommen keine Investoren nach Griechenland, und die Krise mit ihren sozialen Härten währt an. Die jetzige Ruhe im Euro sieht nach einer Ruhe zwischen zwei Stürmen aus. Frankreich, Italien und Spanien sind in Gefahr.

ZEIT: Sind Sie ein Wutbürger, Herr Blankart?

Blankart: Nein, ich bin Realist, halte wenig von der Politik und bin daher auch nicht erstaunt, dass diese Krisen produziert. Wut ist für mich keine Kategorie.

ZEIT: Ihre Partei will auch, dass "Abtretungen wesentlicher Hoheitsrechte der Bundesrepublik Deutschland" einer Volksabstimmung bedürfen. Wollen Sie als Schweizer Deutschland die Direkte Demokratie beibringen?

Blankart: In der Schweiz kann die Bundesverfassung nicht ohne Zustimmung von Volk und Kantonen geändert werden. Das hat sich bewährt. Auch das deutsche Grundgesetz sieht Volksabstimmungen vor. Aber die deutschen Politiker wollen ihre Macht nicht teilen und blockieren daher seit Jahrzehnten dieses Grundrecht auf Bundesebene. Die Wahlalternative 2013 fordert nur die Erfüllung des Grundrechts auf Abstimmungen auf Bundesebene.

ZEIT: Ihr heimliches Ziel ist also die Einführung des Föderalismus in der EU?

Blankart: Genau. Europa hat nur als Föderalunion eine Zukunft. In einem europäischen Einheitsstaat würden alle Interessen im Europäischen Parlament zusammenlaufen. Das wäre überfordert und würde versuchen durch Staatsverschuldung und Inflation möglichst viele Ansprüche unterzubringen. Frankreich zeigt im Kleinen, wie sich ein europäischer Einheitsstaat im Großen auswirken würde.

ZEIT: Fühlen Sie sich wohl in einer Partei, die von rechtsnationaler Seite Unterstützung erhält?

Blankart: Bis jetzt fühle ich mich in guter Gesellschaft. Rechtsnationale wären mir noch nicht aufgefallen.

ZEIT: Wie aktiv werden Sie in dieser Partei sein?

Blankart: Mal schauen. Vorerst bin ich nicht einmal Mitglied.

ZEIT: Sie werden nicht Deutscher, um für die "Alternative für Deutschland" in den Wahlkampf zu ziehen?

Blankart: Nein. Meine Aufgabe sehe ich auch darin, in Deutschland für das Modell Schweiz zu werben.

ZEIT: Sie wollen kein Deutscher werden?

Blankart: Als ich in den 1970er Jahren nach Deutschland kam, war Deutschland ein fortschrittliches und die Schweiz ein sklerotisches Land. Das hat sich seither gewendet. Neid, Ideologien und Verteilungskonflikte dominieren den deutschen Alltag. Meinungspäpste diktieren, was politisch korrekt ist und was nicht. Das ist nicht die "Freiheit, die ich meine". Könnte ich noch einmal wählen, so würde ich mich wahrscheinlich anders entscheiden.