Das Ziel, auf das Ivo Sanader so lange hingearbeitet hat, erreichen nun andere. Wenn Kroatien am 1. Juli der EU beitritt, wird der ehemalige Regierungschef den Tag hinter Gittern verbringen, eingesperrt in der Zagreber Haftanstalt Remetinec, wo er seit vier Monaten einsitzt. Die Vorwürfe gegen die Schlüsselfigur in der Annäherung Kroatiens an Europa wiegen schwer: Sein Reichtum soll auf Korruption gegründet sein. Er selbst sagt, den Grundstein seines Vermögens habe er als junger Mann gelegt – in Österreich. Ob das stimmt, beschäftigt nun die Gerichte in Kroatien.

Tatsächlich war Sanader einst einer der erfolgreichsten Politiker Südosteuropas: Nach dem Tod des autokratischen Staatspräsidenten Franjo Tudjmans wird er zweimal hintereinander kroatischer Premier, verleiht seiner Partei, der Kroatischen Demokratischen Union (HDZ), ein westlich-konservatives Profil und entmachtet die Radikalen in den eigenen Reihen. Die Medien taufen ihn daraufhin den "Drachentöter". Der Aufsteiger, der vier Fremdsprachen fließend beherrscht, ist Teil der christlich-sozialen Seilschaft Europas: Angela Merkel unterstützt ihn 2007 im Wahlkampf, und Ex-ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel nennt Sanader einen "großen Staatsmann", mit dem ihn "eine persönliche Freundschaft" verbinde. Der Kroate fiel auf als Mann mit Balkancharme und europäischem Format.

Heute wirkt der 59-Jährige auf viele Kroaten wie ein rotes Tuch. In zwei Korruptionsfällen wurde er vergangenes Jahr in erster Instanz zu zehn Jahren Haft verurteilt. Unter anderem soll er während des Kroatienkrieges als stellvertretender Außenminister für eine Kreditvermittlung an die kroatische Regierung eine halbe Million Euro Schmiergeld von der Hypo-Alpe-Adria-Bank erhalten haben – für die sich durch dieses Geschäft wiederum die Tür zum kroatischen Markt öffnete. Sanader fühlt sich unschuldig, der Prozess sei eine politische Intrige.

Doch es warten noch weitere Prozesse auf ihn. Derzeit muss er sich wegen angeblicher Scheinaufträge der öffentlichen Hand an eine PR-Agentur während seiner Regierungszeit verantworten. Zwei weitere Anklagen sind bereits vorbereitet. Der Gesamtschaden für den Staat in allen fünf Fällen soll laut der kroatischen Antikorruptionsbehörde 200 Millionen Euro betragen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ivo Sanader war bekannt für seinen extravaganten Lebensstil. In einem Land, in dem das durchschnittliche Nettoeinkommen rund 700 Euro beträgt, soll die Familie Sanader monatlich um 10.000 Euro mehr ausgegeben haben, als sie offiziell einnahm.

Die Verbindungen des Politikers nach Österreich sind eng, besonders jene nach Tirol. In Innsbruck begann seine politische Karriere, und hier will er ein Vermögen verdient haben. "Ich bin nach Kroatien als sehr gut situierter Mann zurückgekehrt", erzählte er in einem TV-Interview. "Ich hatte dort (in Österreich, Anm.) zwei Firmen und war Vertreter einer sehr wichtigen, großen Presseagentur."

Im Wintersemester 1975 immatrikuliert Sanader an der Universität Innsbruck und beginnt Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren. Seine Frau Mirjana inskribiert Archäologie, ebenfalls in Innsbruck. Beide stammen aus der Küstenstadt Split. Sanader ist in einer katholischen Arbeiterfamilie mit vier Geschwistern aufgewachsen. Ein Bruder geht ebenfalls für ein Studium nach Tirol und arbeitet bis heute als Religionslehrer in einem Gymnasium in Innsbruck.

In der Landeshauptstadt finden 1976 die Olympischen Winterspiele statt. Der junge Ivo Sanader arbeitet als Volontär im Pressezentrum und wird Korrespondent des kroatischen Sportmagazins SN revija. Er führt Interviews mit österreichischen Sportlern wie Annemarie Moser-Pröll, dem Skispringer Armin Kogler oder dem Fußballer Hans Krankl.

Nach dem Abschluss des Doktoratsstudiums im Jahr 1982 beginnt er jene Karriere, der er laut eigener Aussage seinen Wohlstand zu verdanken hat: Er wird Vertreter von Meyer Press – einer Salzburger Agentur, die Westernromane, Ratgeber und Fotos von barbusigen Frauen vertreibt und dem mittlerweile verstorbenen Geschäftsmann Hans Meyer gehört.