Schweine sollten stinkend die Bühne erobern, so war es versprochen worden, und jetzt warteten alle, mitten in der Eleganz des Jugendstils, vorfreudig auf die Sauerei. Es war wie beim Kasperletheater: Wann kommen sie, wo sind sie?! Da! hast du gehört: Ein Grunzen, Schubsen und Rascheln hinter den Kulissen, sie sind da, sind wirklich in unsrem Theater, ein Tennisnetz wird flugs entlang der Rampe hochgezurrt – jetzt traben sie von rechts nach links, vier, fünf fette Sauen, und grunzen ganz in echt! Fantastisch, doch es stinkt so gut wie nicht, na ja, Abstriche muss man machen; dafür liegt ein würzig stechender Mulchduft wie Retsina überm Parkett, der steigt aus dem Rollrasen über der Spielscheibe hoch, die, schräg nach vorn gekippt, die Bühne dominiert und sich manchmal wie das Rad der Fortuna dreht. Dann schiebt sie Leichen oder Narren hinten weg zu einem Laubengang, in irgendeins der Schlösser, in denen Lears Töchter residieren.

Die Töchter, Goneril und Regan zumal, stehen bockig, trotzig, angemistet auf der Spielscheibe vor ihrem Vater Lear: Was will der Alte noch? Lang genug offenbar hat er sie schnöd behandelt, jetzt hat er sein Reich unter ihnen aufgeteilt, in hochfahrender Überstürzung wie immer, hat blindwütig, ohne Empathie, die dritte Tochter Cordelia enterbt und sie dem König von Frankreich mitgiftlos überlassen: Ihm doch wurscht, was aus ihr wird.

Lear ist ein Zornbinkel in hautenger roter Hose

Goneril und Regan (mit englischen Herzögen vermählt) kennen den fiesen Vater zur Genüge, fürchten und hassen ihn, zu Recht, wie’s scheint. Der kapiert nicht, dass er dumm war: ein Diktator, der sich niemals seiner Tyrannenmacht hätte entäußern dürfen – erleben wir derlei nicht seit Jahren in den Ländern Arabiens, vermuten wir das nicht in Nordkorea? Bleiben wir in den Kammerspielen, bei den Sauen und den Schauspielern. Denn bei Shakespeare geht’s doch vor allem um den Menschen, der, aller Größe entkleidet, nackt am Grund der Existenz aufschlägt. Wie Hamlet für Jüngere, ist dies die Traumrolle alter Großmimen, ob Werner Krauß, Minetti oder zuletzt Rolf Boysen in Dorns Regie vor zwanzig Jahren in den Kammerspielen: zu zeigen, wie ein Mann voll Majestät (und Würde!) zur Kreatur sinkt und windgeschüttelt im Dreck landet.

André Jungs König Lear hat nichts Würdevolles, er ist ein Rowdy, ein Zornbinkel in hautenger roter Hose, obenrum von umgehängten Fetzen halbwegs bedeckt, flachsiges Zottelhaar unter der Messingkrone, die er niemals abnimmt. Steht auf der Scheibe und explodiert brüllend, wenn ihm was nicht passt (und es passt fast nichts); er kreischt und tobt und stößt die Wörter von sich wie ein Schachtelteufel. Dabei frönt er seiner Manier, jeden Satz in seine Wörter zu zerhacken und sie einzeln zu servieren, stets losgetreten auf der ersten Silbe und hinten nasal mit einem Vokal bekränzt: "Ich-ö / bitt-ö / um-ö / Nachsicht." Der Jung-Sound eben. Phasenweise ist nichts zu verstehen, zumal auch noch andere querbrüllen oder Windmaschinen sausen, Donnerbleche knallen und dicke Nebelwolken mit Effet über die geduckten Zuschauer schwallen. "Blast, Winde, blast!", röhrt möglicherweise unser Lear durch die wüste Heide, wir aber staunen über Sturm, Dampf und Blitzgezucke, durch welche im Nebeltreiben hie und da ein Glied, ein Kopf aufleuchtet, mal ein Satzteil losbrettert: "Ich friere!", hört man, dabei sind die Heidenebel warm und rot ausgeleuchtet, sonderbar.

Mitunter preschen die Sauen störend auf die Bühne

Shakespeares Text ist im Lear doch sehr verwirrend, unklar formuliert, die lange übliche Übersetzung von Tieck/Baudissin ungenießbar, Frank Günther rettet mit seiner Eindeutschung vieles – aber wiederum geht vieles davon polternd verloren.

Wir sind hier in einem niederländischen Bauerntheater, nach Breughel vermutlich: Eine Spielschar schlägt eine Bude auf und sucht sich was aus der Kostümkiste zusammen. Eine weiß-blau gestreifte Zeltplane begrenzt nach hinten die Spielfläche, ein hoher Silberlametta-Vorhang fällt zur Rampe herab und verfängt sich immer wieder in Köpfen und Füßen der durch den glitzernden Wasserfall Auf- und Abtretenden (Bühne: Bert Neumann). Dass mitunter die Sauen störend auf die Bühne preschen, ist halt mal so, und dass die Klamotten albern sind, nehmen wir in Kauf; Annette Paulmanns Goneril trägt gern Knabenshorts und schwarzes T-Shirt, Sylvana Krappatsch (deren Schwester Regan) bevorzugt Breeches, anliegende Bluse, alles weiß und taff. Wichtiger ist beider widerborstige Trotzhaltung: Sie müssen viel mitgemacht haben mit ihrem Königsvater und zucken federnd hintüber gebogen zurück, wenn er ihnen zu nahe kommt. Es ist das Eindringlichste an Johan Simons Inszenierung, dass man die misshandelten Töchter zu verstehen beginnt, weil in Lear ein Kotzbrocken zu ahnen ist.

(Was die galoppierenden Sauen betrifft, sei an Goethe erinnert, der das Amt des Intendanten niederlegte, als sein Herzog den Auftritt eines dressierten Hundes durchsetzte: "Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen / und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen").