Aber man konnte hervorragend miteinander arbeiten. Der Pop der Beach Boys und Beatles war dabei ebenso wichtige Einflüsse wie die Musique Concrète von Pierre Schaeffer und die esoterischen Sphärenklänge eines Karlheinz Stockhausen. Dazu kam ein Gerätepark mit neuester Elektronik. "Im Kling Klang Studio hatten wir unser Forum", schwärmt Bartos. "Dort schleuderten wir jeden Tag Ideen hinein, in Form von Platten, Büchern und Filmen. Wir sahen Metropolis, irgendwo in der Landesfilmstelle, oder wir fuhren zusammen nach Wuppertal zu einem bulgarischen Chor." Aus diesem avantgardistischen Künstlerspiel entstand ein Pop-Entwurf, der die Musik der folgenden Jahrzehnte ebenso stark prägte wie die Beatles die Sechziger. Mit Top-10-Hits wie Das Model eroberte der Electro-Pop die Welt.

Vom Urheberrecht hatte Bartos damals keine Ahnung. Deshalb taucht er erst bei Die Mensch-Maschine als Komponist unter den Songtiteln auf. Und bis Mitte der Achtziger lief für ihn auch alles prächtig. Dann aber folgten Jahre des Stillstands. Kraftwerk gaben kaum noch Konzerte, weil die Einführung der CD für einen Boom der Verkäufe und entsprechende Einnahmen sorgte: "Für die Leute, die an der Wertschöpfung teilnahmen, lief es unheimlich gut", sagt Bartos. Leider gehörte er nicht dazu. Statt kreativen Debatten über das Wesen von Musik stand nun der Radsport im Mittelpunkt des Interesses von Hütter und Schneider.


Fachzeitschriften wie L’équipe oder Miroir du cyclisme stapelten sich auf dem Tisch des Kling Klang Studios. "Es entstand ein Vakuum, das durch endlose Fahrradtouren aufgefüllt wurde. Für mich wurde das damals finanziell absurd. Denn ich war exklusiv an dieses Unternehmen gebunden und durfte nichts anderes machen." Wer hat ihm denn einen solchen Knebelvertrag aufgezwungen? Die Plattenfirma? "Nein, das waren meine Kompagnons. Ich war exklusiv dabei, hatte aber keinen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen und den Output. Ich konnte nur hinkommen und komponieren, das war eine unglaublich prekäre Situation. Eigentlich wollte ich gar nicht weg von Kraftwerk, es fiel mir unglaublich schwer, da hab ich jahrelang dran gebastelt."

Karl Bartos klingt bitter, wenn er über diese Dinge spricht. Er fühlt sich betrogen um einen Teil seines Lebens und auch um einen Teil der Anerkennung für seine Kunst. Die Augen blitzen, wenn er sich darüber erregt, dass Ralf Hütter nun im Alleingang eine weltweite Kraftwerk-Retrospektive durchzieht. Ausgerechnet Hütter, mit dem er früher so mühelos gemeinsam Songs schreiben konnte. Etwas muss zerbrochen sein in den späten Achtzigern.

Die Enttäuschung ist die Wurzel für das Album Off The Record. Natürlich hat sich Bartos nach seinem Weggang von Kraftwerk erst einmal richtig ausgetobt, hat mit Johnny Marr, dem Gitarristen der Smiths, und Bernard Sumner, dem Sänger von New Order, ein Album als Electronic eingespielt. Dazu drei Alben mit eigener Musik. Doch erst jetzt gelingt ihm etwas, auf das viele gewartet haben: Eine Art Nachfolge-Album für Electric Café, das letzte Kraftwerk-Album, an dem Bartos als Songwriter beteiligt war. Nachtfahrt mutet da fast an wie eine Weiterführung von Neonlicht: Romantische Verlorenheit in einer urbanen Kulisse, untermalt von Klängen und Melodien, für die Bands wie Air und Daft Punk sicher einiges geben würden. Zeitlos modern und sehr hitverdächtig klingt das. Allein der Text ist banaler als die genialen Schlüsselwort-Kombinationen von Emil Schult ("Automat und Telespiel leiten heut die Zukunft ein / Computer für den Kleinbetrieb / Computer für das Eigenheim"), der bis in die Achtziger diverse Texte für die Band schrieb. Musica Ex Machina, Vox Humana oder Rhythmus holen den Kraftwerk-Fan dafür direkt vor der Haustür ab – Retromania für drei Generationen von Techno-Fans: Hier stimmt jede Vocoder-Nuance, sitzt jeder Sound aus der Analog-Synthesizer-Sammlung, die Bartos in seinem Keller mit der Zeit zusammengetragen hat.

Bei der Kraftwerk-Show im New Yorker Museum of Modern Art hätte es dafür Standing Ovations gegeben. Denn hier sind sie noch einmal, diese melancholischen Melodien, dieses Gefühl, dass die Zukunft endlich wieder so klingt, wie wir sie uns als Kinder immer vorgestellt haben. Karl Bartos hat mit Off The Record das beste Kraftwerk-Album seit über 25 Jahren aufgenommen.