ZEIT: Was kommt auf uns zu?

Carleton-Gertsch: Wir werden auch anders aufgebaute Geschichten haben. Ein Buch lese ich von vorn bis hinten. Eine App kann völlig anders funktionieren. Der Jugendroman Chopsticks hat als App keinen Text im engeren Sinne. Es ist eine bewegende, etwas rätselhafte Liebesgeschichte, und man erschließt sie sich in der App über Bilder, Filme, Briefe und Musik. Man kann stöbern und erfährt mehr und mehr von der Geschichte, indem man ein Fotoalbum durchblättert oder eine Kiste mit Briefen aufmacht. Je nachdem, was man zuerst entdeckt, erlebt man die Geschichte anders als eine andere Person. Würden Sie zehn Leute fragen: "Was ist die Geschichte?", Sie bekämen zehn verschiedene Antworten.

ZEIT: Die kann man auch bekommen, wenn zehn Leute ein Buch lesen...

Carleton-Gertsch: Natürlich liest auch jeder Leser ein herkömmliches Buch anders, aber durch die unterschiedlichen Wege, die man in der App nimmt, verläuft die Geschichte tatsächlich unterschiedlich.

ZEIT: Wie sieht es im Kindersachbuch aus? Gibt es Beispiele für zukunftsweisende Apps?

Carleton-Gertsch: Den Barefoot-Atlas, das ist ein rotierender Globus in 3-D, den die britische Firma Touchpress mit der Royal Geographical Society zusammen gemacht hat. Die Kinder können den Globus anhalten, sich einen Ort aussuchen und bekommen Informationen dazu – zum Hören, in Animationen und Fotos. Zum Beispiel gibt es aktuelle "live"-Updates zur Uhrzeit und zum Wetter. So etwas gibt es aber noch nicht so oft, die Möglichkeiten werden bei Weitem nicht ausgeschöpft.

ZEIT: Hinken die Verlage in Deutschland ihren internationalen Konkurrenten hinterher?

Carleton-Gertsch: Die deutschen Verlage sind vorsichtiger, ja. In den USA und Großbritannien passiert viel, und ab und zu kommt dabei etwas Gewagtes, vielleicht Zukunftsweisendes heraus. Aber nicht alles, was dort entwickelt wird, passt auch auf den deutschen Markt. Vieles ist einfach zu poppig, zu sehr Disney-geprägt. Doch man muss auch bedenken, dass der App-Markt immer noch sehr jung ist, das erste iPad kam hier ja erst im Mai 2010 heraus. Ein weiterer Grund ist, dass viele Verlage zuerst auf E-Books gesetzt haben.

ZEIT: Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Carleton-Gertsch: Manche Verlage haben bis 2013 Hunderte Kinder- und Jugend-E-Books gemacht, bei den Apps sind es nur einige wenige. Es gibt im App-Bereich auch ganz praktische Probleme, etwa die Frage, ob man im App-Store überhaupt gefunden wird. Manche Verlage sind schon dazu übergegangen, ihre Angebote über einen digitalen Kinderbuchladen zu vertreiben – Tigerbooks. Die App dazu ist kostenlos. Oetinger, Carlsen, Thienemann, Tessloff und andere sind da zu finden.

ZEIT: Lohnt es sich für Verlage denn überhaupt, aufwendige Apps zu produzieren?

Carleton-Gertsch: Gute Apps sind teuer, das geht bei 20.000 Euro erst los. Und man braucht dazu Know-how, das viele Verlage gerade in Deutschland noch nicht im eigenen Haus haben. Also lohnt es sich durchaus für viele, erst einmal vorsichtig zu sein und die Entwicklungen abzuwarten. Dass ein Käufer bereit ist, für eine App in etwa so viel auszugeben wie für ein gedrucktes Buch, ist ja eher die Ausnahme.