Vor 100 Jahren, am 5. März 1913, war es so weit, auf der ersten Armory Show wurde das umstrittenste Bild verkauft. 324 Dollar zahlte der Rechtsanwalt Frederick C. Torrey für Marcel Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 (1912), der Preis ist fein säuberlich in Walter Pachs Notizbuch vermerkt. Pach war neben Walt Kuhn und Arthur B. Davies einer der Erfinder der Armory Show, jener legendären Ausstellung, die erstmals die Kunst der europäischen Moderne in großem Umfang in die USA brachte. Über 1.000 Kunstwerke wurden gezeigt, von Cézanne, Picasso, Braque, Kirchner, aber ebenso von amerikanischen Künstlern wie Maurice Prendergast und auch von den Veranstaltern selbst, von Kuhn, Davies und Pach.

Die Armory Show sollte eine Ausstellung für die Sezessionisten sein, hier zeigte man vor allem jene lebenden und progressiven Künstler, die von den Akademien und Museen gering geachtet wurden. Dementsprechend heftig die Reaktionen: Kunstkritiker geißelten den Kubismus, sogar der ehemalige US-Präsident Theodore Roosevelt schrieb einen recht lustigen Verriss. Duchamps Akt- Bild verglich er mit einem Navajoteppich aus seinem Badezimmer. Wobei sein Navajoteppich, so Roosevelt, nicht nur dekorativer und ernsthafter, sondern auch künstlerisch wertvoller sei. Auch andere Kritiker prügelten besonders auf Duchamp ein – was hätten sie erst zu seinen späteren Readymades gesagt, dem Fahrrad-Rad oder der Urinal -Fontäne? Den in Werbefragen durchaus versierten Veranstaltern der Armory Show kamen die schäumenden Verrisse gerade recht. Man wollte den Allgemeingeschmack ins Wanken bringen, nicht bedienen. Man verstand sich als Avantgarde.

Vergangene Woche fand wieder eine Armory Show statt, allerdings hat sie nur wenig mit der Ausstellung von 1913 gemein. Seit Mitte der neunziger Jahre wird sie als Kunstmesse ausgerichtet, gut 200 Galerien aus aller Welt präsentieren jährlich in zwei alten Lagerhallen am Hudson River Werke der Gegenwart und der Moderne. Doch obwohl die Armory viele Besucher anlockt und als wichtigste Kunstmesse New Yorks gilt, hat sie seit einigen Jahren zu kämpfen. Die international tonangebenden Galerien bleiben oft fern – und die mächtigen Galerien, die weiterhin kommen, präsentieren hier nicht unbedingt ihre teuerste Ware. Bei Sprüth Magers gab es jetzt eine Papierarbeit von George Condo für 45.000 Dollar zu kaufen oder ebenfalls auf Papier abgepauste Gullydeckel von Cyprien Galliard für 18.000 Dollar. Auch Eigen + Art aus Berlin und Leipzig hat auf die Armory kein großes Gemälde von Neo Rauch mitgebracht, dafür ein buntes Arrangement von Gemälden anderer Künstler. Und in der Galerie Max Wigram gab es statt einer echten Installation von Donald Judd nur die etwas schlicht wirkende Karikatur derselben zu kaufen: Der Mexikaner Jose Dávila hat sie aus verschiedenen Ajax- und Windelkartons zusammengebastelt, 26.000 Dollar der Preis.

Seit vergangenem Jahr hat die Armory zudem Konkurrenz durch einen im Mai stattfindenden New Yorker Ableger der Londoner Kunstmesse Frieze, und seit einigen Monaten heißt es, dass die Messeeigentümer die Armory veräußern wollen. Ein Kauf durch die kanadische Kunstmagazinverlegerin Louise Blouin zerschlug sich wohl vor einigen Wochen, nun kursieren Gerüchte über den Preis der Messe und darüber, ob und um wie viele Millionen Dollar dieser Preis inzwischen gesunken sei. Der Direktor der Armory Show, Noah Horowitz, will das nicht kommentieren, seit zwei Jahren erst leitet der so kundige wie ernsthafte Mann, der über den Kunstmarkt und das Internet eine Doktorarbeit geschrieben hat, die Messe und versucht das Beste daraus zu machen. So hat er etwa die Anzahl der zugelassenen Galerien um einige Dutzend verringert, die Konzentration soll die Qualität steigern. Doch eine Halle voll guter Kunst und guter Geschäfte kann auch er nicht erzwingen.

Mehr konzentrierte Qualität konnte man vergangene Woche eher auf zwei anderen, noch kleineren Messen in New York begegnen: Zum 25. Mal lud die Art Dealers Association of America (ADAA) zu ihrer Art Show in eine echte Armory, ein ehemaliges Zeughaus in der Park Avenue an der Upper East Side. Auf engem, stimmungsvoll verdunkeltem Raum präsentierten hier 72 Galerien, darunter viele Player aus New York, ihre Ware – beim Galaempfang fühlte man sich wie in eine Szenerie aus einem Woody-Allen-Film versetzt, die Herren trugen Krawatten mit Forum-Romanum-Motiv, die Damen ihr teuerstes, garantiert faltenfreies Lächeln. Die Pace Gallery zeigte diesem aneignungswilligen Publikum neue Kunst von Kiki Smith, Metro Pictures brachte Louise Lawlers Annäherungen an Degas’ berühmteste Tänzerin- Skulptur und die Fraenkel Gallery Fotografien des Neuen Westens von Robert Adams. Am Stand der altehrwürdigen Galerie St. Etienne konnte man Kirchner-Lithografien für 175.000 Dollar, bei David Zwirner Frühwerke von Milton Avery für gut das Doppelte kaufen. Galerist Anton Kern hatte die Gemälde des 1972 geborenen Wilhelm Sasnal schon am ersten Abend verkauft.

Zufrieden mit den Verkäufen waren die Galeristen auch auf einer weiteren Kunstmesse, die der Armory ebenfalls potenzielle Teilnehmer abgräbt: Zum vierten Mal fand die Independent in Chelseas ehemaligem Dia Center statt, nur gut 40 hippe Galerien aus Berlin, London, Mailand und Paris waren zu günstigen Standmieten von der Galeristin Elizabeth Dee eingeladen worden, zu einer Kunstmesse ohne VIP-Lounge und ohne Trennwände zwischen den Kunstwerken. Hier konnte man beobachten, was die jüngsten Erben der Avantgarden von 1913 so umtreibt – oder eben auch nicht. Politik, Liebe und der Tod etwa scheinen für die Mehrzahl der jungen Künstler kein Thema zu sein, ihre Kunst – gern skulptural – ergeht sich schon mal in verspielten, doch spröden Assemblagen aus Beton, Textilien und Blechdosen. Eine Kunst, die oft etwas zu nichtssagend und auch nicht besonders schön anzusehen, aber dafür noch günstig zu haben ist: Die meisten Preise auf der Independent sind vierstellig.

Schockwellen wie damals 1913 gingen von keiner der drei New Yorker Messen mehr aus. Auf der Armory Show präsentierte der New Yorker Galerist und Kurator Francis Naumann immerhin eine kleine, sehenswerte Hommage an den damaligen Skandal – eine größere Ausstellung folgt im Herbst in der Historical Society. Neben Papierarbeiten von Duchamp hatte Naumann auch verschiedene aktuelle Interpretationen von dessen Akt- Bild ausgestellt: Aneignungen von Mike Bidlo etwa oder eine malerische Verpixelung durch Pamela Joseph. Das Duchamp-Gemälde, so der Galerist Naumann, habe damals vor allem wegen seines Titels für Erregung gesorgt. Im prüden Amerika sei schon die Vorstellung eines liegenden Akts skandalös gewesen – was sollte man dann erst von einem nackten Menschen halten, der eine Treppe heruntergeht? Heute hängt der Akt im Philadelphia Museum of Art. Und Duchamp befand schon vor 50 Jahren: "Es gibt keinen Schock-Faktor mehr."