Der 54-jährige Dichter und Dissident Liao Yiwu ist einer der beliebtesten chinesischen Schriftsteller in Deutschland. Er ist Träger des Geschwister-Scholl-Preises und des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten wurde sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben. Anfang der neunziger Jahre wurde Liao für vier Jahre inhaftiert, seinen Leidensweg beschreibt er in seinem Buch Für ein Lied und hundert Lieder. In China wurde es mit einem Publikationsverbot belegt, seit Sommer 2011 lebt er im Exil in Berlin. Liao versteht sich als Chronist, und als Chronist begreift ihn auch sein Publikum. Sollte der preisgekrönte Schriftsteller seine Berichte über Folter und Misshandlungen nur erfunden haben?

So äußerte sich der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin in einem Interview in der ZEIT (Nr. 43/12). Kurz zuvor hatte das Literaturnobelpreiskomitee den – eher staatsnahen- Romancier Mo Yan gekürt. Eine Entscheidung, die von Liao heftig kritisiert wurde. Kubin sagte über Liao: "Mir sagen Freunde von ihm, die ihn im Gefängnis besucht hatten, dass die Haftbedingungen keineswegs so hart waren wie beschrieben, dass viel von dem, was er in China nicht mehr publizieren konnte, gar keine Dokumentation sei, sondern Fiktion." Sollten diese Anschuldigungen zutreffen, es wäre das ein Skandal, unter dem das Renommee Liaos zu leiden hätte. Wir sind den Vorwürfen in Peking und Berlin nachgegangen. Kubin verwies uns an die Pekinger Dichterin Xiao Xiao, eine einstige Weggefährtin Liaos. Xiao Xiao ist überzeugt davon, dass "Liao übertrieben hat, um im Ausland Erfolg zu haben".

Das ist so etwas wie ein Standardvorwurf in China, den einige chinesische Künstler gegen ihre systemkritischen, im Ausland lebenden Kollegen erheben. Sie werfen ihnen vor, chinesische Verhältnisse verzerrt darzustellen. Denn im Ausland könne sich nur der Dissident gut verkaufen. "Der Westen glaubt, die Exilschriftsteller wären unabhängig", sagt Xiao Xiao. "Sie übertreiben aber das Negative. Sie glauben, dass wir, die wir in China geblieben sind, Schleimer sind oder Beziehungen haben. Das stimmt nicht. Die Wahrheit kennen nur die Menschen, die hier leben."

1989 schlug die Armee die Proteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz mit Gewalt nieder. Es war das Jahr, in dem Liao Yiwu und Xiao Xiaos damaliger Lebensgefährte Wan Xia gemeinsam den Film Requiem drehten. Darin wird auch ein Gedicht rezitiert, das Liao in Reaktion auf die blutige Niederschlagung der Proteste verfasst hatte. Die Sicherheitsbehörden waren damals sehr nervös. "Und als sie von dem Film erfuhren", erzählt Xiao Xiao, "glaubten sie sofort, er habe mit den Protesten zu tun." Sie sieht es anders: "Mein Exfreund und die anderen fanden es einfach unterhaltsam, einen Film zu drehen." Liao, Wan und vier weitere Künstler wurden verhaftet. Xiao Xiao setzte sich für ihren damaligen Lebensgefährten ein, traf Anwälte und Journalisten.

Kannte sie die Haftbedingungen aus erster Hand? "Nein. In den zwei Jahren durfte ich beide nicht sehen. Ich konnte nur Sachen ins Gefängnis bringen, die die Wärter ihnen aushändigten." Wan Xia und Liao Yiwu seien zwar immer in den selben Gefängnissen gewesen, doch saßen sie in getrennten Zellen. Warum behauptet sie, dass Liaos Schilderungen übertrieben seien? "Mein Freund und die anderen haben nie so drastische Dinge berichtet. Es stimmt, Zellengenossen veranstalten am Anfang eine Art Scheingericht über die Neuen, da kann es zu Brutalitäten kommen. Doch im Allgemeinen respektieren sie politische Gefangene." Politische, sagt Xiao, stünden in der Gefängnishierarchie über den gewöhnlichen Kriminellen. Das sähen auch die Wärter so, die ihnen für gewöhnlich leichtere Arbeiten zuteilten.

"Es war sogar schlimmer, als es im Buch steht"

Zudem, sagt Xiao Xiao, sei dies ein Fall gewesen, der internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. BBC und New York Times berichteten darüber, das habe die Gefängnisleitung vorsichtig werden lassen. "Die anderen sagten, Liao suche sich seine Probleme selbst. Er mache sie aus dem Nichts. Er respektiert einfach keine Regeln." Hat sie konkrete Belege dafür, dass Liao in seinen Gefängnisschilderungen übertrieben habe? "Nein. Was wirklich im Gefängnis geschah, wissen nur er selbst und die Sicherheitsbehörden."

In Berlin zuckt Liao Yiwu mit den Achseln: "Kein Besucher durfte ins Gefängnis hinein. Alles, was die Leute von außen wussten, wussten sie vom Hörensagen. Xiao Xiao kennt die Situation nicht, sie hat nie im Gefängnis gesessen." Es sei gut möglich, meint er, dass Xiao Xiaos Lebensgefährte weniger schlimme Erfahrungen gemacht habe als er. Das heiße jedoch nicht, dass er seine eigenen Erfahrungen übertrieben habe. "Ich habe all das Schlimme tatsächlich erlebt, das ich in meinem Buch beschrieben habe. Sogar Schlimmeres."

Warum werfen ihm einstige Weggefährten vor, ein unzutreffendes Bild von China zu zeichnen? "Das liegt an unseren unterschiedlichen Erfahrungen", sagt Liao. "Ich habe viel Zeit mit der Unterschicht verbracht. Deswegen sehe ich für China keine Zukunft." Xiao Xiao hingegen "wohnt in ihrer Mittelschichtwohnanlage, in ihrem Kreis von Mittelschichtfreunden, sie lebt gut in ihrer Mittelschichtwelt."

Es geht also um unterschiedliche Welten, um biografisch geprägte Wahrnehmungen und die ewige Frage, welches Bild Chinas man dem Ausland präsentieren will. Xiao Xiao hatte letztlich keine Beweise für ihre Behauptung, dass Liao die Unwahrheit über seine Haftbedingungen schrieb. Was sagt der Sinologe Wolfgang Kubin dazu, der die Gerüchte über die mangelnde Glaubwürdigkeit des Dissidenten in die Welt gesetzt hat? "Da hat Xiao Xiao sich Ihnen gegenüber zurückgenommen. Es gibt noch andere, die bestätigen, dass die Dinge, die Liao in seinen Büchern beschrieben hat, so hundertprozentig nicht stimmen, wie das für eine Dokumentation notwendig wäre." Er habe, sagt Kubin, kein Problem damit, wenn ein Schriftsteller "auf diese Weise etwas entwerfen will, was er für sein China hält – solange er nicht das Wort ›Dokumentation‹ gebraucht".

Er unterstelle Liao nicht, dass er ein sogenanntes "falsches Chinabild" produziere: "Er passt leider nur in das Schwarz-Weiß-Bild, welches manche Journalisten in Deutschland haben, und das ist wahrscheinlich auch ein Grund für seinen Erfolg." Das Problem, sagt Kubin, seien womöglich in erster Linie die Verlage: "Ich vermute, die schreiben: ›Das ist China‹, um das Buch besser verkaufen zu können. Aber das ist genau nicht China! Es ist ein Teil, den es leider geben mag, aber das ist nicht das China für 98 Prozent der Menschen. Es ist vielleicht das China Liao Yiwus, furchtbar, er tut mir leid. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass seine Schilderungen im Kern zutreffen. Doch es ist nicht mein China und auch nicht das meiner Studenten." Kubin gefällt also das Chinabild nicht, das sich dem Leser nach der Lektüre von Liaos Büchern erschließen könnte. Sein Vorwurf aber war ein ganz anderer: nämlich dass Liao übertrieben habe. Und dafür konnte er keine Beweise erbringen.