Menschen, die bei einer Hausgeburt dabei waren, berichten davon, dass sie eine Zeit erlebten, die völlig zeitlos war. Alle Gedanken sind auf die Mutter und die Ankunft des neuen Erdenbürgers gerichtet. Plötzlich ist es so weit, die Hebamme kommt, und Zeit, die sich nicht mehr wie Zeit anfühlt, vergeht, bleibt stehen. Die Familie wächst um ein Mitglied an. Erst langsam findet man wieder in den Alltag des Lebens zurück. Ganz ähnlich verhielt es sich für mich beim letzten Konklave im Jahr 2005. Die Stadt Rom hatte das Großereignis der Beisetzung Johannes Pauls II. mit routinierter Souveränität gemeistert, die Pilger hatten die Stadt verlassen. Plötzlich war es still auf den Straßen und Plätzen. Sich in Geduld fassen, warten, abwarten, eine ganze Stadt geriet in die Zeitlosigkeit.

Für mich, der ich einige Autoren in Rom habe, war das eine ideale Zeit für Gespräche. Interessante Köpfe beschäftigten sich unversehens mit Themen, die sonst oft zu kurz kommen. Eine Autorin stellte mir eine schier endlose Zahl von Engeln vor, die sie auf römischen Brücken, in Kirchen und Palästen fotografisch gesammelt hat. Ein Autor entwickelte seine Idee weiter, alte Texte – von der Antike über die Kirchenväter bis hin zur mittelalterlichen Scholastik – in heutiger Sprache herauszubringen und die jeweiligen Ausführungen der alten Autoren durch Beispiele aus der heutigen Zeit anschaulich zu machen.

Eine Zeit, die kein Thema kennt, da das einzige Thema unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt wird, ist eine Zeit der Freiheit des Gespräches, der Freiheit der Gedanken. Als habe man den Deckel einer Schatzkiste geöffnet, sprudeln einige Menschen nur so von Ideen und Überlegungen.

Die Zeit des Konklaves ist eine Zeit der Erreichbarkeit. Mit Ausnahme der Kardinäle natürlich sind im und außerhalb des Vatikans viele Menschen wunderbar zu erreichen. Keine Konferenz, keine Tagung, keine Redaktionssitzung spielt jetzt eine so große Rolle, dass sie nicht zugunsten des gemeinsamen Wartens und Redens verschoben werden könnte. Selbst die üblichen Seilschaften sind ein Stück weit außer Kraft gesetzt, denn keiner weiß, wie sich die Machtverhältnisse in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten verschieben werden.

Ähnlich wird es auch während dieses Konklaves wieder sein, und so habe ich mich auf den Weg nach Rom gemacht. Ich werde geplant und unverhofft Menschen begegnen, wie es das letzte Mal vor gut acht Jahren möglich war. Ich werde Gespräche erleben, in Demut geführt und von dem Gefühl geprägt, einem historischen Ereignis beizuwohnen. Solche Gespräche kann es nur geben, weil der Alltag und seine Belanglosigkeiten für eine kurze Zeit außer Kraft gesetzt sind und die Zeit zeitlos geworden ist.

In Rom angekommen, übermannt mich, dann doch wieder ganz weltlich, die große Spekulationslust. 2005, am Vorabend der Wahl Joseph Ratzingers, hatte ich zu einem Essen eingeladen. Ein deutscher Vatikan-Journalist war überzeugt: "Ratzinger wird Papst." Die versammelte Runde überging das großzügig und spekulierte weiter. Doch er wiederholte seine Aussage. Beim dritten Mal bat ich die Runde, ihm Gehör zu schenken, und er trug plausibel vor, was wir tags darauf tatsächlich erlebten. Hat er auch diesmal einen heißen Tipp? Kurzerhand nehme ich Kontakt mit ihm auf. Nein, diesmal sei es nicht so offensichtlich. Damals habe er gesehen, wie die aus der ganzen Welt einreisenden Kardinäle über die letzten Jahre vor der Papstwahl hinweg stets Termine bei Kardinal Ratzinger wahrgenommen hätten. Diesmal sei das ganz anders, eine so zentrale Figur sei auf dem Spielfeld nicht zu erkennen.

Irgendwann legt sich die börsenverdächtige Spekulationslust bei mir. Und zum Vorschein tritt die Frage nach dem, was bleibt. Gespräche über Gott, die Welt und einen Mann, der sich in den Gärten von Castel Gandolfo von einer der schwersten Aufgaben der Welt erholt. Einer Aufgabe, die jetzt wieder neu definiert werden wird. Bis der Stuhl Petri besetzt ist, bleibt die Zeit aber stehen und fühlt sich zeitlos an.