Das Verlagsgebäude des Neuen Deutschlands steht wie eine Trutzburg in Berlin-Friedrichshain. So war es auch gedacht: Kurz nachdem Axel Springer 1965 wenige Kilometer von hier im Westen sein Hochhaus gebaut hatte, als kämpferischen Gruß gen DDR, errichtete die SED ihrerseits ein Verlagshaus mit der modernsten Druckerei Europas. Was die Partei dem Land zu lesen geben wollte, sollte hier entstehen: von der Deutschen Bauernzeitung bis zur Rätselzeitung Troll. Die Parteilinie fand man im Neuen Deutschland (ND). Dort ratterte die Bewusstseinsindustrie des Ostens.

Vergangene Zeiten. Wer heute das angegraute Beton-Ungetüm betritt, mit der Luxemburg-Bronzeskulptur, den Marx-Spruchbändern und den Ostalgie-Postkarten im Foyer, der fragt sich: Was hat einen Tom Strohschneider, der beim Wochenblatt Freitag war und bei der taz hätte bleiben können, mit 39 Jahren dazu gebracht, Chefredakteur des NDs zu werden?

Strohschneider ist seit der Wende der erste Ostdeutsche, der die Geschicke des Blattes lenkt. Sein direkter Vorgänger Jürgen Reents stammte aus Bremerhaven und war im Westen ursprünglich beim Kommunistischen Bund gewesen. Über mehr als zwei Jahrzehnte regierten Westdeutsche das ND , dieses vielleicht ostdeutscheste aller Blätter. Alleine Reents amtierte 13 Jahre lang. War es schlicht an der Zeit, dass ein Ostdeutscher wie Strohschneider übernimmt? War es gar unausweichlich?

Die Auflage des Blattes sinkt beharrlich, von einer Million vor der Wende auf 34.000 jetzt. Die Leser, großteils männlich, weiß, ostdeutsch und um die 60, sterben dem Blatt weg. "Die Probleme teilen wir mit sehr vielen Tageszeitungen", meint Strohschneider achselzuckend. Aber irgendetwas an dieser prekären Lage reizt ihn. Der Underdog unter den Zeitungen für die Underdogs unter den Bundesbürgern? Dass darin auch ein Problem liegt, eine "Larmoyanz-Falle" eingebaut ist, die Tendenz zur kritiklosen Ostalgie – darüber lässt sich schon weniger gut reden. Da war die Auseinandersetzung um Gregor Gysi kürzlich. Dem Spitzenkandidaten und Fraktionschef der Linken wurde vorgeworfen, vor zwei Jahren unter Eid falsch ausgesagt zu haben, dass er nie willentlich mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet habe.

Tom Strohschneiders erste Reaktion – und die seiner Zeitung – lautet wie die vieler Parteifreunde Gysis. "Was soll das Neue daran sein?", fragt er. Schließlich würden vergleichbare Vorwürfe gegen Gysi seit der Wende immer mal wieder erhoben – nie sei etwas bewiesen worden. "Ich spreche nicht von einer Medienkampagne", meint Strohschneider vorsichtig. "Aber die Unschuldsvermutung muss doch auch für Gysi gelten. Warum wird den Akten der Staatssicherheit mehr Glauben geschenkt als einem Politiker, der seit Jahren im Deutschen Bundestag sitzt und an dessen Integrität ich keinen Zweifel habe?"

Immer wieder werde die DDR lediglich aus den Akten der Staatssicherheit erzählt. Das verzerre die Erinnerung. "So war meine Biografie nicht!", das, meint Strohschneider, sei immer noch eine häufige Reaktion Ostdeutscher auf Stasi-Vorwürfe gegen Politiker. "Die Leute haben den Eindruck, wenn es um Gysis Biografie geht, sind sie auch immer mit gemeint. Zu Versöhnung und Aufarbeitung kommt man so nicht." Ähnlich hatte die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping, reagiert, die die Vorwürfe gegen Gysi ernsthaft als "Anschlag auf die Würde der Ostdeutschen" bezeichnete. Die Ostdeutschen seien es leid, "dass ohne jede Ahnung vom Alltag in der DDR Urteile über ihr Leben gefällt werden". Man weiß nicht, ob Kipping sagen wollte, alle Ostdeutschen hätten, willentlich oder nicht, mit der Stasi zusammengearbeitet. Aber wie ihre Einlassung zu Gysis Entlastungsversuch passt, er habe es als Teil der DDR-Elite überhaupt nicht nötig gehabt, IM zu werden – das hätte man dann eben gern mal im Neuen Deutschland gelesen. Hat man aber nicht.