Romancier, Drehbuchautor, Theatermann, Privatdozent – angesichts der vielen Felder, die Nick Cave in den letzten Jahren bestellt hat, konnte man leicht den Überblick verlieren. Stets allerdings haben wir ihn uns als konservativ gekleideten, nicht unbedingt technikfreundlichen Gentleman vorgestellt, der die blühenden Ausgeburten seiner Fantasie morgens nur noch in eine klapprige, aus Dashiell Hammetts Nachlass ersteigerte Underwood tippen muss. Jetzt aber ist raus: Cave macht, was wir alle machen. Er googelt.

So jedenfalls steht es im Beipackzettel zu seinem jüngsten, wieder mit den Bad Seeds aufgenommenen Album Push The Sky Away, was auch deshalb eine nützliche Information darstellt, weil man es sonst vielleicht gar nicht bemerkt hätte. Der Fürst der Dunkelheit, er sät nicht, er erntet nicht, er nährt sich genügsam von den Früchten, die das Netz ihm spendet: Geschichten von Meerjungfrauen, Rädern aus Feuer und Straßen, an denen arme Teufel ihre Seele verkaufen. Dass Cave dabei auch seinen eigenen Obsessionen begegnet, versteht sich von selbst, auf We No Who U R etwa nehmen Internet-Trolle die Gestalt rächender Erinnyen an, und auf Water’s Edge reckt ihm die Hure Babylon ihre weit gespreizten Beine entgegen.

Musikalisch ist das so spannend wie lange nicht mehr, die brachiale, gern auch mal leer laufende Energie seiner letzten, mit dem Seitenprojekt Grinderman entstandenen Alben ist einem schleifenartigen, kreiselnden Pochen, Schaben und Klopfen gewichen, das auf das Zutun von Mit-Bad-Seed Warren Ellis zurückzuführen ist. Manchmal scheint irgendwo leise eine Festplatte zu knuspern, manchmal verdunkeln Heuschreckenschwärme den Himmel, alles jedoch verbreitet einen sublimen Grusel, als sei die digitale Welt eine Poe’sche Hölle, in der die unwahrscheinlichsten Kreaturen ihre Machtübernahme vorbereiten. In Caves eigenen Worten: Wenn Alben so etwas wie Kinder sind, wäre dieses "das Geisterbaby im Brutkasten, und Warrens Loops wären der Rhythmus seines winzigen, zitternden Herzens". Weil das schön gesagt ist, sei dem Mann verziehen, dass die diagnostische Kraft seiner mit gewohntem Pathos vorgetragenen Deklamationen, bei Tageslicht betrachtet, eher gering ist: Manchmal muss inmitten der vielen Entzauberungen der Gegenwart auch der Prophet noch sein Wort erheben dürfen. Hoffentlich gerät er dabei in keinen Shitstorm.