Warum reist Barack Obama eigentlich nach Israel? Als man ihn während der ersten Amtszeit erwartete, kam er nicht. Nun, da man nicht mit ihm rechnete, hat er sich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit in Jerusalem angekündigt. Warum bloß?

Es gibt mehrere Punkte, bei denen Obama einiges zu verlieren hätte. Die Situation mit dem Iran hat sich nicht grundlegend geändert. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat vor der UN-Generalversammlung definiert, wo für ihn die "rote Linie" beginne und wann diese überschritten sei (nämlich im Frühjahr/Sommer 2013). Der Iran setzt die Produktion von angereichertem Uran fort und entwickelt seine Technologie für die Anreicherung weiter. Doch er bietet Barack Obama noch keinen Anlass, über einen militärischen Angriff nachzudenken. Zudem ist offen, ob der Iran nicht doch noch von seiner bisherigen kompromisslosen Linie abrücken wird. Eine Abstimmung zwischen Obama und Netanjahu ist derzeit also nicht dringend, vielmehr erst, wenn Netanjahus rote Linie erreicht ist. Insofern könnte der Besuch die Differenzen zwischen den beiden deutlicher machen und zu noch mehr Spannungen führen.

Auch um den Friedensprozess wird es wohl nicht gehen. Daran Erwartungen zu knüpfen wäre falsch, da sich in der Verhandlungsfrage derzeit nicht viel bewegt. Obama ist kein Zauberer, man sollte von ihm keine Wunder erwarten. Bei den Gesprächen in Israel (und anschließend bei der Palästinensischen Autonomiebehörde) wird ihn jedoch stets die Frage begleiten, wie sich die Zwei-Staaten-Lösung unter den aktuellen Gegebenheiten am Leben halten lässt. Ein Gruppenbild mit Netanjahu und dem Palästinenserpräsidenten Abbas wird die Sache nicht richten.

Der dritte Punkt betrifft die Lage in Syrien. Da dürften sich Obama und Netanjahu einig werden. Angesichts der sich dramatisch verschlechternden humanitären Lage in Syrien und der drohenden Folgen für die gesamte Region sollte Netanjahu Obama dazu raten, die amerikanische Position im Konflikt zu überdenken. Beide Staaten sind entschlossen, beim Einsatz chemischer Waffen durch das Assad-Regime einzugreifen: Die USA wollen nicht, dass sie gegen die syrische Bevölkerung gerichtet werden; Israel wird nicht zulassen, dass sie oder andere Waffen, die zum game changer werden könnten, in die Hände der Hisbollah gelangen.

Will Obama also Israel besuchen, um zu bestätigen, worin man sich einig ist, und auszulassen, worüber man sich streiten könnte? Nicht unbedingt. Obama könnte auch viel gewinnen (nicht nur in Israel, sondern auch bei proisraelischen Anhängern in den USA).

Laut amerikanischen Quellen will der amerikanische Präsident mit seinem Besuch eine direkte Botschaft an die israelische Öffentlichkeit, vor allem an die junge Generation, senden. Genau darauf hat er während seiner ersten Amtszeit verzichtet und damit sowohl bei Netanjahu (zwischen den beiden herrschte von Anfang an keine große Liebe) als auch bei großen Teilen der Bevölkerung Misstrauen ausgelöst: Zwar sind die Beziehungen der beiden Länder in Sicherheitsfragen deutlich besser geworden. Dennoch fragt man sich, wie Obamas grundsätzliche Einstellung zum israelischen Staat eigentlich aussieht: Er hat Riad, Kairo und Istanbul besucht, um (wenig erfolgreich) die Beziehungen zur muslimischen Welt neu zu gestalten. Ein Besuch in Jerusalem aber hätte geholfen, Ängste, Misstrauen und Unbehagen in der israelischen Gesellschaft gegenüber der amerikanischen Politik abzubauen. Doch offensichtlich war das Obama zu dem Zeitpunkt nicht wichtig genug.

Wohl wissend, dass das Misstrauen zwischen ihm und Netanjahu nicht zu beseitigen ist, muss Obama nun die israelische Öffentlichkeit über Netanjahus Kopf hinweg ansprechen; die Israelis sind sich bewusst, wie existenziell die Beziehungen zu den USA sind. Sie werden keinen Ministerpräsidenten unterstützen, der diese aufs Spiel setzen will. Obama kann den Weg zu den Herzen und Köpfen der Israelis finden, indem er Verständnis und Empathie für ihre Ängste zeigt. Das könnte ihm auch dabei helfen, seine Vision darzulegen, wie sich der israelisch-palästinensische Konflikt lösen lässt, und für diese Vision offen zu werben.