Wie ein neuer Papst es machen muss, hat Christoph Schönborn gezeigt. Dafür war Mut nötig, Klugheit und ein bisschen Humor vielleicht auch. Der Wiener Erzbischof sagte am Sonntag vor der Papstwahl in der römischen Kirche Gesù Divino Lavoratore zu den staunenden Gottesdienstbesuchern: "Ich will jetzt wagen, etwas zu sagen. Ich mache kein VatiLeaks, aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis." Und dann berichtete der Kardinal, der an diesem Tag bei Italiens Buchmachern auf Platz vier des Papst-Rankings lag (hinter dem Italiener Scola, dem Ghanaer Turkson und dem Brasilianer Scherer), aus den Beratungen der Kardinäle vor dem Konklave. Sie alle hatten zuvor auf das Evangelium geschworen, dass sie schweigen würden über den Inhalt ihrer Gespräche, die ja nichts Geringeres betrafen als den künftigen Papst: Wie wird er sein? Was soll er tun? Was muss er können?

Wenn eine geheime Kirchensache für die Kirchenmitglieder von höchstem Interesse ist, dann muss ein möglicher Papst sich entscheiden. Entweder hält er sich an die Regeln der Papstwahlordnung, oder er folgt dem legitimen Wunsch seiner Herde, die wissen will, nach welchen Kriterien ihre Kardinäle wählen. Schönborn tat beides, befolgte die Regeln und begeisterte die Leute. Seine Kunst bestand darin, die strenge Geheimhaltungspflicht nicht zu verletzen und trotzdem dem Kirchenvolk Genüge zu tun, das nicht mehr demütig hinnehmen mag, was der Vatikan entscheidet, sondern auch wissen will, warum.

Was ist der ideale Papst der Zukunft? Schönborn beantwortete die Frage ganz einfach durch sein Beispiel. Ein Mann an der Spitze der katholischen Kirche muss den Mut haben, das Unerhörte zu tun. Schönborn sagte über das Kardinalskollegium: "Ich habe zwischen uns einen Geist der Brüderlichkeit gefunden, wie ich ihn selten erlebt habe." Durch Benedikts Amtsverzicht seien die wählenden Kardinäle so beeindruckt gewesen, dass sie sich "nicht länger als Konkurrenten fühlen". Mit anderen Worten: Da war eine ungute, vielleicht sogar unchristliche Konkurrenz an der Spitze der Kirche! Das muss sich ändern!

Hat je ein Kardinal kurz vor der Papstwahl so etwas in der Öffentlichkeit verkündet? Reformen wollen nun nicht mehr nur die bekannten Reformkatholiken, sondern sogar die Kirchenhierarchen. Schönborn sagte: "Es beginnen Erneuerung und Bekehrung." Und über das Gleichnis vom verlorenen Sohn predigte er: "Wir sind alle schwierige Söhne unseres Vaters." Der verlorene Sohn ebenso wie der daheimgebliebene, der abtrünnige wie der gar zu getreue. "Keiner von uns ist perfekt." Sollte heißen: auch die Kardinäle nicht, auch der Vatikan nicht. Vielleicht nicht einmal der Heilige Vater. Dafür erntete Schönborn spontanen Applaus der Gemeinde. Und ein altgedienter Vatikanist, der an diesem Sonntag schon mehrere Kardinalsmessen in Rom erlebt hatte, flüsterte: "Wenn das seine Bewerbungspredigt fürs Papstamt gewesen wäre, dann hätte er jetzt gewonnen."