Die ungarischen Schriftsteller und ihre Meister sind eine Geschichte für sich. Man muss einmal den ehrfürchtigen Ton gehört haben, mit dem Péter Nádas den Namen seines "Meisters" Miklós Mészöly ausspricht. Man muss sich an den heiligen Ernst erinnern, mit dem Imre Kertész in seinem Galeerentagebuch von seinen Vorbildern spricht. Vor allem muss man sich die Ehrengabe des jungen Péter Esterházy für seinen "Meister" Géza Ottlik vor Augen halten: In 250-stündiger Fronarbeit kritzelte er mit einem dünnen Filzstift Ottliks Roman Die Schule an der Grenze auf ein einziges Zeichenblatt von 57 mal 77 Zentimetern. "Ich überschrieb das Überschriebene, das Zeichenblatt wurde von Mal zu Mal schwärzer, dunkler, während es die aus der Schrift stammende Feinheit, Fragilität und das Pulsieren behielt."

Péter Esterházy ist fraglos der Meister des ungarischen Meisterismus. Schon in seinem ersten großen Roman hat er einen Lieblingsautor, den toten Kálmán Mikszáth, für kapitellange Spaziergänge an der Seite eines gewissen Meisters Esterházy wiederbelebt. In manchen seiner Bücher erweist er seinen Favoriten durch umfangreiche unausgewiesene Zitate die Ehre. Und natürlich hätten wir auf der Hut sein sollen, als Esterházy vor Jahren sein Nachwort zur deutschen Ausgabe von Dezsö Kosztolányis (1885 bis 1936) Roman Esti Kornél (dt. Ein Held seiner Zeit) mit der Flaubert-Variation schloss: "Kornél Esti – c’est moi."

Inzwischen hat Esterházy nämlich, wie es seine Art ist, seinen Witz beim Wort genommen. Sein neuer Roman heißt schlicht Esti, ausgesprochen "Eschti", und ist die Fortsetzung der Meisterverehrung mit anderen und ziemlich durchtriebenen Mitteln. Statt essayistisch über Kosztolányi und seinen zauberhaften Helden Kornél Esti zu schreiben, spielt Esterházy das Spiel Kosztolányis mit seiner Figur mit den Mitteln der Fiktion einfach weiter. Fast alles an Esterházys Esti schließt an Kosztolányis Esti Kornél an: Der Held ist ein Schriftsteller, der in einem verträumten Geist durch allerhand schräge Abenteuer geschickt wird und dabei aus dem fortwährenden Scheitern eine sehr einnehmende Lebensphilosophie entwickelt. Beide Erzähler haben ihrem Kornél einiges von ihrem eigenen Leben mitgegeben, Kosztolányi das maskenliebende Dandytum von Budapest zwischen den Kriegen und Esterházy den versatilen subversiven Witz, der sein Markenzeichen ist seit den Universitätszeiten, als seine Kommilitonen ihn "Esti" nannten, "bisher meine größte Auszeichnung".

Wer Kosztolányis feinen Roman Esti Kornél liest, merkt sehr bald, warum die Figur des Esti dem hoch verspielten Esterházy liegen musste. So stellt sich Kosztolányis Esti vor: "Ich mag alles und alle, alle Völker und alle Gegenden. Ich bin alle und niemand. Wandervogel, Verwandlungskünstler, Zauberer, ein Aal, der dauernd zwischen den Fingern hindurchschlüpft. Ungreifbar und unbegreiflich." Natürlich ist ein solcher Proteus auch kein Fall für klassisch geschlossene Formen: Goethe jagt ihm "kalte Schauer über den Rücken", "eines Dichters würdig" ist nur das "Fragment". Besonders schlimm wäre ein Roman. "Gott bewahre! Jeder Roman beginnt so: ›Auf der dunklen Straße ging ein junger Mann mit hochgeklapptem Kragen.‹ Dann stellt sich heraus, dass der junge Mann mit hochgeklapptem Kragen der Romanheld ist. Das ›Wecken des Interesses‹. Fürchterlich."

Und wie beginnt Esterházys Roman, wie weckt er unser Interesse? Natürlich mit dem Anti-Roman-Satz: "Auf der dunklen Straße..." etc. Natürlich wird weder bei diesem noch bei irgendeinem der unzähligen Kosztolányi-Zitate gesagt, dass es ein Zitat ist. Es geht auch formal weiter wie bei Kosztolányi: "Ich bleibe Fragment. Novellenkranz." Und es geschieht, was auch bei Kosztolányi geschah: Verwandlungen und Neuanfänge sonder Zahl. In einem Kapitel erwacht Esti als Bild und gibt eine Reihe fabelhafter ästhetischer Reflexionen zum Besten. In einem anderen wird er als Hund von einem mit ihm spielenden Kind erstochen. Natürlich ist er auch eine Frau, ein Italienreisender, ein Diebstahlsopfer und ein in Portugal mit seinen Nachbarn sich streitender und versöhnender Autor.