Indes zeigen sich ziemlich bald auch die Unterschiede zwischen den beiden Autoren. Kosztolányi und sein Esti sind vergleichsweise gemütliche Geschichtenerzähler, Budapester Flaneure mit Bodenhaftung, die hin und wieder aus dem Kristallflakon ein unterminierendes Quäntchen Absurdität zerstäuben. Esterházy ist ein hochpotenter, postmoderner Universalauflöser. Er dreht die Geschichten, während er sie erzählt, immer schon durch den metareflexiven Wolf, fällt sich ins Wort, dreht selbiges im Mund um. Keine Bodenhaftung, nirgends. Wenn man einmal für einige Seiten ganz schlicht durch die Gänge der Budapester Uni geht und freudig einem Freund Estis begegnet, dem Don-Quijote-Forscher Pierre Menard, verflüchtigt sich auch dieser sympathische Mensch bald in einer intertextuellen Verpuffung: Menard ist aus Borges’ Geschichte gleichen Namens in Esterházys Roman eingewandert. Willkommen im Reich der universalen metafiktionalen Verspiegelung!

Esterházys Reflexion der Reflexion der Reflexion ist zwar im Kleinen und im Großen über alle Maßen virtuos und witzig, man lacht häufig, staunt über Wortfunde, Satzkapriolen und Erzählervolten, man bewundert die all dem souverän gewachsene junge und offensichtlich hochbegabte Übersetzerin Heike Flemming – aber etwas fehlt, und je länger man liest, desto fühlbarer fehlt dieses Etwas.

In den besten Büchern Esterházys hat das Spiel seines Witzes ein Widerlager. Der Witz arbeitet sich an einem ernsten Gegenpart ab: an der Familiengeschichte in Harmonia Caelestis, an der Parteidiktatur im Produktionsroman, am Leben und Sterben der Mutter in den Hilfsverben des Herzens und in Keine Kunst. Aus diesem Gegenüber gewinnt Esterházys unbändiger Witz seine befreiende Funktion. In Esti fehlt dieser Widerpart. Hier spielt das Spiel nur mit sich selber. Das Rütteln rüttelt an nichts und wird zur leeren Geste.

Es gehört zum Brio dieses seltsamen Romans, dass er alle Einwände, die er wachruft, präventiv selber gleich abschmettert. Esterházy weiß, dass auch avancierte Leser Geschichten brauchen. "Wo nur haben wir wie einen herrenlosen Säugling – heftig, herrenloser Säugling, das ist heftig – die Handlung verlassen?", lässt er den Erzähler fragen. Zugleich schubst er den Geschichtenbedürftigen ins realsozialistische Dreckeckchen der Parteiredakteure: Er wolle "wie es zu Beginn der siebziger Jahre hieß, eine handfeste Novelle. Junger Mann, wir brauchen eine handfeste Novelle, nicht diese Wortfummelei, hatten sie streng und irgendwie beleidigt zu Esti gesagt. Und was ist mit einer handfesten Wortfummelei?" Das ist pfiffig. Es ist auch ernst, wenn Esti in der Folge über die schwere Frage nachdenkt, welche Todesart seine Geschichte richtig handfest in Gang bringen könnte. Und es ist literaturtheoretisch und philosophisch klasse, wenn er sein erfolgloses Suchen beschließt: "Es ist, als könnten einem nur Histörchen widerfahren und keine Geschichte. Auch das Geschichtchen ist eine Geschichte, das Histörchen ist nichts." Gut gegeben. Und doch lächelt man nur müde. Bei den andern Büchern dieses Autors lachte man befreit. Aber da mussten auch nicht Schriftsteller- und Schreibstubensorgen einen ganzen Roman tragen.