Als ich 70/71 Hilfslayouter im feinen, kleinen Verlag Grove Press in New York war, wurde ich zu einem der ersten Opfer der "Neger"-Debatte. Wir bereiteten die Taschenbuch-Ausgabe der Memoiren eines Revolutionärs von Pjotr Kropotkin vor. Zuständige Lektorin war unerklärlicherweise Robin Morgan, die ich nicht leiden konnte, weil sie a) eine monothematische Feministin, b) ein Ex-Kinderstar aus einer Fernseh-Familienserie und c) erschreckend ungebildet war. Das war zwar alles nicht ihre Schuld, aber außerdem war sie d) die einzige Vorgesetzte, die ihre Untergebenen wie eine Vorgesetzte behandelte. Richtig laut und mit Ei dabei. Uns allen war natürlich klar, dass sie den Job als Quoten-Feministin bekommen hatte, um vom schönen erotischen Programm des Verlages abzulenken, und weil sie in allen anderen Abteilungen etwas hätte können müssen, wurde sie ins Lektorat gesetzt. Mir nun erteilte sie den Auftrag, nein, gab sie den Befehl, in den gesamten Memoiren (519 Seiten) das Wort girl durch das Wort woman und das Wort girls durch das Wort women zu ersetzen. "Ach ja?", fragte ich grausam. "Hast du entdeckt, dass im Original zhjenschtschina statt djewuschka steht?" – "Dies ist ein Befehl", entgegnete sie, auch nicht auf den Mund gefallen. "Aber der Fachausdruck für eine junge Frau lautet doch ›Mädchen‹", führte ich lahm ins Feld. "Dies ist ein Befehl", begann sie sich zu wiederholen.

Man sollte gar nicht meinen, wie oft Revolutionäre in ihren Memoiren Mädchen erwähnen. Ich ließ die Wörter woman und women in der entsprechenden Type und im entsprechenden Schriftgrad zweihundertmal setzen, schnitt sie aus und klebte sie auf und schnitt sie aus und klebte sie auf und schnitt sie aus und klebte sie auf. Kein Wunder, dass mir die US-Einwanderungsbehörde zu meinem 50. eine Green Card schickte.

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Rodeo in Dalhart, Texas, 1972. Beim bullriding springt der Cowboy vorschriftsmäßig in der 12. Sekunde vom Stier, der Stier will es wissen, bohrt dem Cowboy das rechte Horn durch den Bauch und wirft den Mann durch die Luft. Der Stadionsprecher sagt: "Well, we certainly hate to see this, yessirreebob, we certainly do."

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Berlin-Steglitz, 2012. Weil ich mich vor einer Lesung immer noch ein bisschen vor die Tür stelle, um Passanten den Arm umzudrehen – nur so kriegt man die Hütte voll –, stehe ich vor dem Schlossparktheater und drehe Passanten den Arm um. Ein prunkvolles Ehepaar nähert sich, sie ganz in Rot, mit ein paar schwarzen Akzenten, er ganz in Schwarz, mit einem roten Einstecktüchlein. Ich hebe den rechten Daumen und sage zum Mann: "Prima Einstecktüchlein!" Er blickt irritiert an sich herunter, stutzt und röhrt: "Och nöö! Hatses schon wieder jeschafft!"

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Februar 2013, Lesereise nach Schriesheim, Reutlingen, Ulm und Gröbenzell. "Schriesheim? Gröbenzell?", höre ich Sie fragen. Schriesheim ist mit der Straßenbahn € 6,40 von Mannheim und € 1,90 von Heidelberg entfernt und Gröbenzell zwölf Bus-Haltestellen von Puchheim. Bitte gern.

In Schriesheim macht Utes Bücherstube den Büchertisch, und ich dichte dankbar: "Oma, Opa, Mädchen, Bube –, / Ab in Utes Bücherstube!"

In Reutlingen macht die Osiandersche Buchhandlung den Büchertisch und höhnt: "Auf ›Osiander‹ findest du sowieso keinen Reim!" Ungerührt dichte ich: "O Ichthyolog’, von ›Aal‹ bis ›Zander‹ / Bestimmungsbuch nur bei Osiander!"

In Ulm macht die Buchhandlung Jastram den Büchertisch, und als die Lesung vorbei ist, ist zu meiner Erleichterung auch das sonst so vorbildliche Jastram-Kollektiv abgehauen. Jastram? Jastram?

In Gröbenzell macht die Buchhandlung Litera den Büchertisch, und es wird wieder ganz leicht: "In Gröbenzell rëitera – / Tiv stets zur Litera!"

Zu Hause erwartet mich eine zerknirschte Ansichtskarte von der Buchhandlung Jastram in Ulm. Vorn auf der Ansichtskarte ist ein Foto von Prinz Philip und Königin Elisabeth II mit einer Jastram-Einkaufstüte, und hinten steht, sie hätten plötzlich bemerkt, dass sie den ganzen Pafel bereits verkauft hätten, und da wären sie still verduftet. Ich lasse mich nur kurz lumpen, schreibe ein zierliches Briefchen nach Ulm und schließe mit einem pompösen P.S.:

"›Apporta unam Astram! / Roboro me ad Jastram‹, wie der Lateiner sagt, wenn er sich noch ein Bierchen genehmigt, um sich für den Gang zur Buchhandlung Jastram in der Schuhhausgasse 8 zu stärken."

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Eben gerade, 2013. Für 69 Cent ist die Kassenfee bei Budni wunderschön, heißt L. Cacciola und trägt künstliche Wimpern. Unter die künstlichen Wimpern ist spiegelverkehrt der Schatten der künstlichen Wimpern geschminkt, Wimper für Wimper. Dann gibt es noch gratis ein Röhrchen mit 20 Vitamin-C-Brausetabletten dazu. Mit, und das muss man sich mal vorstellen, Blutorangengeschmack.